Songreicher Liebesrausch: Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Musical im Schauspielhaus Magdeburg

Das lange Warten hat endlich ein Ende. Auch das Schauspielhaus hat nun offiziell die Sommerpause beendet und startet die Spielzeit 2018/2019 gleich mit einem Bühnenklassiker, welcher gleichzeitig eine Uraufführung darstellt. William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ wird als buntes Musical aufgeführt. Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz und Regisseur David Schliesing haben sich wieder einmal mit dem Musiker-Duo Maren Kessler und David Schwarz zusammengetan, um eine songreiche Hommage an Shakespeares Liebeserklärung an die Nacht zu kreieren. Kann man das so machen oder würde sich Shakespeare im Grab umdrehen?

Die schöne Hermia (Léa Wegmann) liebt Lysander (Uwe Dreysel). Doch ihr Vater Theseus (Oliver Niemeier) möchte, dass sie Demetrius (Lukas Paul Mundas) zum Mann nimmt. Doch Demetrius wird von Hermia verschmäht. Stattdessen hat Helena (Maike Schroeter) nur Augen für Demetrius. Während sie Demetrius hinterherläuft und ihn für sich gewinnen möchte, versucht er Hermia zu finden und sie zu überzeugen, dass er der Richtige für sie ist. Eine sehnsuchtsgetriebene Verfolgungsjagd durch einen Wald in Athen beginnt. Doch in diesem Wald liegt Magie in der Luft. So kommt es dazu, dass ein Streit zwischen dem eifersüchtigen Elfenkönig Oberon (Oliver Niemeier) und seiner Königin Titania (Antonia Schirmeister) seinen Höhepunkt erlangt. Er schickt seinen Elfengehilfen Puck (Carmen Steinert) los, um Titania mit einem Zauber zu belegen, der dazu führt, dass sie sich in die erstbeste Kreatur verliebt, die sie sieht. Obendrein soll Puck auch noch den unglücklich verliebten Athenern auf die Sprünge helfen. Doch das geht völlig nach hinten los. Auf einmal ist Helena es, die von Demetrius und Lysander verehrt wird. Hermia dagegen wird nun von keinen der beiden Männer mehr begehrt. Und inmitten dieser chaotischen Nacht versucht eine Gruppe von Handwerkern auch noch ein Theaterstück einzustudieren…

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Hermia (Léa Wegmann; Mitte) kann nicht glauben, dass sie weder von Demetrius (Lukas Paul Mundas; links) noch von Lysander (Uwe Dreysel, rechts) verehrt wird.; Foto: Nilz Böhme

Das Stück „Ein Sommernachtstraum“ ist weltweit bekannt und wird häufig auf Theaterbühnen gespielt. Für viele Schauspieler ist es ein Traum, eine der begehrten Figuren dieser Produktion zu verkörpern. Auch in Schulen wird der Stoff dieser Komödie durchgesprochen. Schwierig wird es vor allem dann, wenn man die verzwickten Liebesgeschichten der jungen Athener betrachtet. Crombholz und Schliesing schaffen es mit Leichtigkeit, dass jeder im Publikum dieses Wirrwarr verstehen kann, auch wenn man vorher mit dem Stoff noch nicht in Berührung kam. Und obwohl auf der Bühne dreizehn Protagonisten stehen, die meistens alle mehrere Rollen auf einmal verkörpern, geht niemand in der Menge unter, obwohl dort verdammt viel los ist. Das ist eine Kunst für sich, die Crombholz und Schliesing in ihren Produktionen immer wieder unter Beweis stellen. Trotz der Shakespeare’schen Sprache kommt die Inszenierung hoch modern und recht aktuell daher. Dazu trägt nicht nur die sich drehende Holzbühne von Jan Hendrik Neidert bei, die in der Anlehnung an das Shakespearsche Globe-Theater entstand, sondern auch die extrem bunten und teils ausgefallenen Kostüme von Lorena Díaz Stephens. Letztere unterstreichen die Persönlichkeit der verschiedenen Charaktere nochmal zusätzlich.

Es ist außerdem auffällig, dass Crombholz und Schliesing ihre Schauspieler trotz der teils clownshaften Erscheinungen immer wieder ästhetisch in Szene setzen lassen. Choreograf David Williams sorgt dafür, dass die Charaktere über die Bühne schweben, ohne es wortwörtlich zu tun. Ein Highlight dieser Produktion mag wahrscheinlich der intensive Flamenco zwischen Oberon und Titania sein. Die Zuschauer spüren förmlich die Leidenschaft und die Eifersucht, die in den beiden brodelt. Apropos Leidenschaft: Davon gibt es in dieser Inszenierung ziemlich viel. Sobald ein bisschen mehr Sex ins Spiel kommt, spürt man im Publikum deutlich, dass solche Szenen noch immer polarisieren und einige sich durch diese Intimitäten, die auf der Bühne zu beobachten sind, peinlich berührt fühlen. Jede gute Liebesgeschichte, die erzählt wird, benötigt glaubwürdige Darsteller, die ihre Rolle leben. Und genau diese Darsteller haben Crombholz und Schliesing eingesetzt. Gerade zwischen Oliver Niemeier als Oberon und Antonia Schirmeister als Titania lodert das Feuer sicht- und spürbar. Und genau solche Schauspieler und Szenen, wo man merkt, dass ein riesiges Vertrauen zwischen den Protagonisten besteht, benötigt nicht nur das Stück „Ein Sommernachtstraum“an sich, sondern auch jedes gute Theater.

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Carmen Steinert als Puck verzaubert nicht nur die Athener auf der Bühne, sondern auch die Zuschauer mit ihrer Darbietung.; Foto: Nilz Böhme

Besonders spannend ist aber der musikalische Einfluss auf diese Produktion. Sobald im Programm des Theater Magdeburg die Namen Maren Kessler und David Schwarz zu lesen sind, kann man davon ausgehen, dass man nach Ende einer Aufführung, wo dieses Duo seine Finger mit im Spiel hat, von Ohrwürmern geplagt wird – positiv gemeint. Auch für „Ein Sommernachtstraum“ haben sie unverwechselbare Texte geschrieben und Melodien komponiert, die in verschiedene Stilrichtungen gehen und auf die jeweiligen Charaktere angepasst wurden. Von rockigen und poppigen Songs bis hin zu Synthesizerklängen – aber auch zeitgenössischer Rap darf in dieser Produktion nicht fehlen. Obwohl die meisten Lieder in deutscher Sprache performt werden, kommen auch ein paar englische Texte zum Einsatz. Schwarz begründet die Mischung der beiden Sprachen damit, dass manche Originalpassagen von Shakespeare besonders klangvoll sind und nochmal eine ganz andere Sicht auf die auf der Bühne gezeigte Welt eröffnet. Dieser Aspekt ist in jeder Hinsicht stimmig. Neben den einprägsamen Liedern sticht auch noch das komplette Ensemble heraus, welches die Songs mit einer Band live performt. Wenn man bedenkt, dass es sich hierbei nicht um ausgebildete Musicaldarsteller handelt, sondern um ganz normale Schauspieler, kommt man möglicherweise aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ihr Auftreten ist professionell. Schiefe Töne? Fehlanzeige! Man merkt, dass Kessler und Schwarz genau wissen, was jeder einzelne Schauspieler mit seiner Stimme leisten und bewirken kann, ohne eine intensive Gesangsausbildung gehabt zu haben. Einige Ensemblemitglieder gehen während der Aufführung immer wieder zur Band und spielen die Instrumente ebenfalls selbst. Kessler und Schwarz sind die unsichtbaren Zauberer, die dazu beitragen, dass diese Inszenierung – und vor allem die Songtexte – nicht so schnell aus dem Gedächtnis der Zuschauer verschwinden.

Das Schauspielensemble von Cornelia Crombholz hat sich in ganz Magdeburg und darüber hinaus bereits einen Namen gemacht. Sie holt sich immer extrem wandelbare und vielseitige Talente mit an Bord. Das macht sich vor allem in den Doppelrollen bemerkbar. Während Oliver Niemeier als Theseus noch als Befehlshaber und strenger Vater, der kein Gegenwort duldet, auftritt, packt ihn als Oberon die geballte Eifersucht und spürt, wie bittersüß Rache in Sachen Liebesangelegenheiten sein kann. Und doch merkt man, dass er einsieht, einen Fehler begangen zu haben. Als er Titania durch einen weiteren Zauber wieder für sich gewinnen möchte und sie nicht sofort aufwacht, wird man von Niemeiers Verzweiflung gepackt. Antonia Schirmeister ist als Hippolyta gänzlich mit der Situation überfordert, einen königlichen Posten einzunehmen, während sie als Titania ihren Gatten in die Schranken weist und zeigt, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Nachdem sie von Oberon mit einem absurden Liebeszauber belegt wird, spielt Schirmeister den pubertierenden, verliebten Teenager. Und trotzdem nimmt sie sich, was sie will. Außerdem weiß Schirmeister ihre Reize einzusetzen. Léa Wegmann verleiht ihrer Hermia viel Bescheidenheit. Dass sie als „die Schöne“ betitelt wird, scheint ihr egal zu sein. Sie ist bodenständig und behandelt Helena, als sei sie ihre Schwester. Und trotzdem ist sie entschlossen, mit ihrem Geliebten vor dem Gesetz ihres Vaters zu fliehen. Als Lysander auf einmal nur noch Augen für Helena hat, platzt ihr der Kragen und sie kann es nicht ertragen, von keinem mehr geliebt zu werden. Da lässt sie ihrer Aggression freien Lauf. Maike Schroeter hingegen ist das Paradebeispiel einer unglücklich Verliebten, die trotz eindeutiger Signale von Demetrius nicht von ihm ablässt. Obwohl man sagt, dass sie genau so schön sei wie Hermia, glaubt sie das nicht. Ihr fehlt es an Selbstbewusstsein. Als sie auf einmal merkt, wie es ist, von allen Seiten begehrt zu werden, ist sie völlig überfordert mit der Situation. Diese Erfahrung ist völlig ungewohnt für sie und während andere Frauen dieses Gefühl der Begehrtheit von mehreren Männern genießen würden, steht sie der ganzen Sache kritisch gegenüber.

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Die Leidenschaft zwischen Oberon (Oliver Niemeier) und seiner Gattin Titania (Antonia Schirmeister) lodert.; Foto: Nilz Böhme

Uwe Dreysels Lysander ist ein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann. Doch das möchte er nur mit einer Frau: Hermia. Er kann kaum die Finger bei sich lassen und möchte jede Sekunde mit seiner Liebsten genießen und ihr so nah wie möglich sein. Durch Pucks Blütentrank legt Lysander nochmal eine Schippe an Emotionen drauf. Was er einst für Hermia empfunden hat, kriegt Helena mit einer deutlichen Überdosis an Liebe zu spüren. Doch der Lysander, den Dreysel verkörpert, lässt nicht nach und gibt nicht auf, das Herz von Helena zu erobern und zeigt seiner Hermia plötzlich intensives Desinteresse, als hätte er sich niemals für ihn interessiert. Apropos Desinteresse: das zeigt Lukas Paul Mundas‘ Demetrius Helena. Er hat nur Augen für Hermia, geht aber von allen Beteiligten am lockersten mit der Situation um. Mundas spielt einen charakterstarken Demetrius, der trotz seiner Attraktivität und seines Wirkens auf Helena kein Interesse hat, ihre Gefühle auszunutzen. Obwohl er wie Tarzan die ganze Zeit seine Jane (bloß in diesem Fall Helena) auf dem Rücke trägt, schüttelt er sie immer wieder ab. Doch plötzlich – dank Puck – klebt Demetrius wie ein Magnet an Helena. Diese verrückten Konstellationen sorgen für eine Menge Unterhaltung bei den Zuschauern.

Den absoluten Jackpot hat Carmen Steinert mit ihrer Rolle gewonnen. Ihr gebührt die Ehre, den verpeilten Elfengehilfen Puck verkörpern zu dürfen. Aber Steinert ist nicht nur irgendein Puck, sondern DER Puck. Es hat den Anschein, als wäre sie für diese Rolle geboren worden oder Shakespeare hat diese Rolle einzig und allein für sie geschrieben. Die beiden Regisseure haben ihrer Rolle lediglich den zeitgemäßen Feinschliff verpasst. Sobald sie die Bühne betritt, wandern die Augen des Rezipienten automatisch zu ihr. Ihre tollpatschige Art und das Bedürfnis, sich in alle Angelegenheiten einzumischen, sorgen für viele äußerst amüsante Momente. Steinerts Puck ist der Showmaster, der Zirkusdirektor, der weibliche Thomas Gottschalk unter den Elfen – nur um Längen sympathischer. Mit ihrer Rap-Einlage regt sie das Magdeburger Publikum mit einer Leichtigkeit zum Mitmachen und -klatschen an. Aber auch gesanglich hat Steinert ganz schön was zu bieten. Diese Rolle könnte tatsächlich ein weiterer Türöffner für die junge Schauspielerin sein.

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Hermia (Léa Wegmann) möchte Demetrius (Lukas Paul Mundas) nicht zu ihrem Ehegatten nehmen.; Foto: Nilz Böhme

Und obwohl die Zuschauer mit den Liebesgeschichten eigentlich schon genug bedient sind, kommen da auch noch die Handwerker daher, die keinesfalls nur dafür da sind, um die Aufführungsdauer der Inszenierung zu strecken oder für die besonders witzigen Momente zu sorgen. Alle Beteiligten stechen mit ihrer ganz besonderen Persönlichkeit heraus, obwohl sie neben den Athenern beispielsweise ziemlich einfach gestrickt wirken. Ralph Opferkuch als Peter Squenz möchte unbedingt seine Komödie vor dem Königshaus präsentieren und damit womöglich seinen großen Durchbruch erlangen. Doch ihm fehlt nicht nur das konsequente Durchsetzungsvermögen, sondern auch die einsatzbereite Schauspiel-Crew, die er sich eigentlich gewünscht hat. Denn er darf sich von seiner Truppe immer wieder Verbesserungsvorschläge anhören, die ihm nicht sonderlich gefallen, er aber meistens dennoch zu allem Ja sagt. Opferkuch als Squenz ist ein rasender Wirbelwind und scheut sich nicht davor, selbst ins Geschehen einzugreifen. Zettel, der von Thomas Schneider dargestellt wird, hält sich zumindest für einen begnadeten Schauspieler und würde am liebsten alle Rollen von Squenz‘ Stück verkörpern. Aber er muss sich mit der Rolle des Pyramus zufriedengeben. Daniel Klausner als Francis Pfeifer wird dazu verdonnert, die Thisbe zu spielen. Für Pfeifer, dem gerade erst ein Bart wächst und der anscheinend viel von seiner Männlichkeit hält, ist nicht sonderlich begeistert mit seiner Rolle. Klausners Thisbe ist völlig überfordert mit der Weiblichkeit und weiß nicht, wie man als Mann weibliche Reize einsetzen soll. Burkhard Wolf gibt als Blässing einen eher weniger angsteinflößenden Löwen ab, während Matthias Rheinheimer als der stotternde Schnauze einer Wand Leben einhaucht. Die Handwerker, die zugleich auch die Elfen verkörpern, lockern die hitzige Verfolgungsjagd der Liebenden nochmal auf und sorgen dafür, dass kein Auge im Publikum trocken bleibt und niemand den Saal ohne Muskelkater im Gesicht verlässt.

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Puck (Carmen Steinert, links) beobachtet die Theaterproben der Handwerker (Thomas Schneider [2.v.l.], Daniel Klausner [2.v.r.] und Matthias Rheinheimer [rechts]). Foto: Nilz Böhme
Wer glaubt, dass William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Musical nicht funktioniert, der irrt sich. Diese Produktion hat einen einzigartigen Charme und bringt neben der bekannten Geschichte ein überwältigendes Gesamtkunstwerk von Schauspiel und Musik auf die Bühne. Crombholz und Schliesing zeigen erneut, dass dieses Ensemble in dieser Konstellation einfach einzigartig ist und das Prädikat „besonders wertvoll“ in Theaterkreisen verdienen würde. Das Konzept, dass man sich gegenseitig sucht, verpasst und letztendlich doch immer wieder findet, ist total stimmig durch das schlichte, dennoch wandelbare Bühnenbild. Die Besucher können sich auf einen sehr unterhaltsamen Abend gefasst machen und dazu mit Sicherheit den ein oder anderen Ohrwurm obendrein noch mit nach Hause nehmen. Auch Shakespeare selbst würde sicher stolz darauf sein, wenn er sehen würde, was man aus seinem Stück heute alles zaubern kann, um die Menschen zu begeistern. Tickets können an der Theaterkasse oder unter http://www.theater-magdeburg.de erworben werden.

 

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