People, Profit, Planet: „Zeit der Kannibalen“ im Schauspielhaus

2014 feierte die Kapitalismus-Satire „Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber viele Erfolge. Die starken Dialoge wurden von Kritikern hoch gelobt. Der kammerspielartige Film ist wie für die Bühne gemacht. Mittlerweile hat sich diese Inszenierung als Theateradaption etabliert. Jetzt kann man die Inszenierung von Dominic Friedel auch im Schauspielhaus Magdeburg erleben.

Die Unternehmensberater Kai Niederländer (Uwe Fischer) und Frank Öllers (Zlatko Maltar) ziehen von Luxushotel zu Luxushotel, um als „Company“ die Gewinne ihrer Kunden in Schwellen- und Entwicklungsländern zu maximieren. Nach so vielen Jahren kriegen sie es nicht mehr mit, wenn Bomben um sie herum explodieren. Sie sind abgestumpft, was die Außenwelt betrifft. Als ihnen eines Tages die Einsteigerin Bianca März (Léa Wegmann) zugeteilt wird, entsteht ein innerbetrieblicher Konflikt. Es entbrennt ein Konkurrenzkampf für den neuen Teilhaberposten zwischen den drei Kollegen. Doch eigentlich ist März da, um die beiden Handlungsreisenden zu evaluieren. Den Zynismus richten sie nicht mehr nur auf die Welt, sondern zielen ihn gegenseitig aufeinander ab.

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Die Company (Zlatko Maltar, Léa Wegmann und Uwe Fischer) schottet sich komplett von der Außenwelt ab.; Foto: Andreas Lander

Dem Regisseur Dominic Friedel war es wichtig, nicht den erfolgreichen Spielfilm nachzuspielen. Den kann man sich auch getrost auf der Couch im eigenen Wohnzimmer ansehen. Er wollte zwar die Grundstory beibehalten, aber etwas völlig anderes machen. Dieses ist ihm auch hervorragend gelungen. Das merkt man schon bei den Kostümen, die von Josefine Krebs entworfen wurden. Die Unternehmensberater haben eher ein biederes Auftreten. Doch die aufgesetzten Fassaden bröckeln in den Momenten, in denen sie sich Perücken, Clownsnasen und Schnurrbärte aufsetzen. Man könnte fast meinen, dass sie aus einem Zirkus entflohen sind. März fällt mit ihrer barockartig-gepimpten Prinzessin-Lea-Frisur und ihrem futuristischen Dresscode aus der Reihe. Allein daran erkennt man schon, dass diese Produktion nicht das ist, was man im ersten Moment vielleicht erwarten mag. Ein mutiger Schritt.

Mithilfe von Fremdtexten, die in diese Produktion eingebaut wurden, bekommt der Rezipient einen Mehrwert. Sie dienen u.a. dazu, die Personen hinter dem Geschäft kennenzulernen; den Privatmenschen, der nach der Arbeit ganz andere Probleme hat. So bekommen beispielsweise die Figuren von Öllers und März mehr Substanz, indem gezeigt wird, dass sie emotional ziemlich am Ende sind. Sie schlucken ihre Traurigkeit herunter. Alles für den Profit. Es folgen stetige Wechsel von bissigen Dialogen und Monologen (mal laut, mal leise) zu einer Erzählperspektive bis hin zu einer Hamlet-Persiflage und einem mehrfach angestimmten „Bück dich hoch“-Song von Deichkind. Es ist viel los und teilweise auch ziemlich anstrengend. Doch wenn man die Vorstellung etwas sacken lässt und nochmal gewissenhaft über einige Passagen nachdenkt, ergibt alles irgendwo einen Sinn, der nicht allein auf die Unternehmenswelt abzielt. Es geht viel mehr um den Menschen selbst und um das, wozu er fähig ist. Mit all diesen Bausteinen schafft Friedel eine einzigartige Inszenierung, die es womöglich so noch nirgends auf der Bühne zu finden ist. Ebenfalls ein mutiger Schritt.

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Niederländers (Uwe Fischer) Fassade bröckelt.; Foto: Andreas Lander

Des Weiteren wird die Raumbühne trotz eher karger Kulisse komplett ausgenutzt. Friedel schöpft aus der Draufsicht auf die Erde, die sich am Boden des Studios dank Christiane Hercher befindet, eine neue Art von Raum und Zeit. Er lässt Öllers und Niederländer öfter durch das Studio springen, um zu signalisieren, dass sie sich immer wieder an einem anderen Ort (bzw. in einem anderen Hotel) der Welt befinden. Er setzt in seiner Produktion viel auf musikalische Untermalungen und auch auf den Einsatz von Technik.  Mithilfe dieser technischen Gerätschaften, die die Protagonisten selbst bedienen müssen, projiziert er nicht nur ein bestimmtes Bild auf die Leinwand, sondern auch im Kopf des Publikums. Es schafft eine ideale Vorstellung davon, wie sich Geschäfte abspielen, die via Videokonferenz abgehalten werden.

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Die Company wird aufgekauft. (Léa Wegmann, Lukas Paul Mundas und Zlatko Maltar); Foto: Andreas Lander

Nicht zu vergessen sind auch die hervorragenden Schauspieler, die dafür sorgen, dass diese Produktion noch länger in den Köpfen des Publikums bleiben. Uwe Fischer und Zlatko Maltar als Niederländer und Öllers mimen zwei Unternehmensberater, die vom Wesen her nicht unterschiedlicher sein können. Fischer neigt zur Ungeduld, wird schnell ausfallend und hat kein Problem damit, über Leichen zu gehen, wenn er von einer Sache profitieren könnte. Maltar hat sichtlich mit seinen privaten Problemen zu kämpfen und wirkt sehr gebrechlich. Léa Wegmann als Bianca März zieht nach den ersten zehn Sekunden mit ihrer Präsenz schon das Publikum in ihren Bann. Sie tritt stark und selbstsicher auf, doch zeigt auch ihre verletzliche Seite. Eine grandiose Leistung liefert sie ab, wenn sie von ihren Dialogen zur Erzählperspektive schlagartig wechselt. Einer der wohl besten Momente des kompletten Kammerspiels ist wahrscheinlich ihr Monolog über das Ableben der menschlichen Existenz, gefolgt von dem „Menschenfressermenschen“-Song, den sie selbst performt. Auch Lukas Paul Mundas, der immer mal wieder als Erzähler oder auch als Boss einer Firma erscheint, hat in seinen doch recht überschaubaren Auftritten Glanzmomente. Besonders in Erinnerung wird bei den meisten Rezipienten seine Hamlet-Persiflage bleiben. Sein Auftreten deutet meistens immer eine Art Bewegung im Geschehen an und richtet sich auf eine andere Perspektive. Er macht das Stück komplett und obwohl seine Auftritte dosiert sind, kann man auf diese in genau dieser Inszenierung nicht verzichten, wenn man länger darüber nachdenkt.

Wer die Erwartung hat, den „Besten Spielfilm“ der Deutschen Filmkritik nachgespielt zu bekommen, der wird hier enttäuscht werden. Friedel wirft viele Prinzipien über Bord und schafft mit seiner Produktion sich von vielen anderen Inszenierungen dieses Kammerspiels abzusetzen. Warum sollte man sich also für einen Besuch von „Zeit der Kannibalen“ im Theater Magdeburg entscheiden? Ganz einfach: Weil es sich um eine einzigartige und individuelle Interpretation des erfolgreichen Spielfims handelt. Außerdem beweist ein junger Regisseur großen Mut, sich von seinen Kollegen, die dieses Stück ebenfalls auf die Bühnen des Theaters bringen, abzusetzen. Warum diese Produktion so anders geworden ist, als man möglicherweise erwartet, erzählt die März-Darstellerin Léa Wegmann im folgenden Interview: Zynisch und kaltblütig: Léa Wegmann über „Zeit der Kannibalen“.

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