Am Rande der Verzweiflung: Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ am Schauspielhaus Magdeburg

Nachdem Matthias Fontheim in der vergangenen Spielzeit mit „Bunbury“ einen Publikums-Hit auf die Beine stellte, kehrt er wieder ans Theater Magdeburg zurück. Mit „Die Ratten“ inszeniert er das wohl wichtigste Stück von dem deutschen Dramatiker Gerhart Hauptmann. Schon im Vorfeld sorgte die Produktion für viel Neugierde, da bekannt wurde, dass der Bühnenbildner Stephan Heyne etwas ganz Großes auf die Beine stellen würde. Kann Fontheim die Erwartungen mit dieser Produktion halten?

Frau Johns (Susi Wirth) erstgeborenes Kind verstarb bereits nach wenigen Tagen. Dabei ist ihr großer Wunsch, selbst Mutter zu sein. Doch sie wittert ihre Chance, als sie auf das polnische Dienstmädchen Pauline Piperkarcka (Carmen Steinert) trifft, welches ungewollt schwanger geworden ist und sich selbst richten möchte. Frau John schafft es, sie davon abzubringen und bietet Pauline gegen Geld an, ihr Kind in Pflege zu nehmen. Das Dienstmädchen geht den Deal mit Frau John ein. Doch wenig später bekommt das Dienstmädchen Gewissensbisse und will ihr Kind zurückhaben. Dadurch sieht Frau John ihr eigenes Familienglück bedroht. Sie verstrickt sich in ein Netz aus Lügen und geht dabei über Leichen. Aber auch bei Familie Hassenreuter hängt der Haussegen schief. Der Theaterdirektor (Burkhard Wolf) vergnügt sich regelmäßig auf dem Dachboden mit schönen Damen. Doch seiner Tochter Walburga (Léa Wegmann) gönnt er das Liebesglück nicht. Zumindest nicht mit dem Theologen Spitta (Lukas Paul Mundas), der auch noch beim Direktor selbst Schauspielunterricht nehmen möchte…

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Frau John (Susi Wirth, links) fordert ihren Bruder Bruno (Lukas Paul Mundas, rechts) auf, sich von dem polnischen Dienstmädchen Pauline Piperkarcka (Carmen Steinert) fern zu halten.; Foto: Nilz Böhme

Die „Berliner Tragikkomödie“ von Gerhart Hauptmann ist nicht umsonst eines der bekanntesten und wichtigsten Werke seiner Zeit. Er brach Tabus und stellte recht untypische Rollen auf die Bühne. Regisseur Matthias Fontheim legt den Fokus dabei auf das tragische Schicksal der Frau John. Dabei gelingt es ihm, die Nebengeschichte so mit in das Stück einzuarbeiten, sodass es ein stimmiges Gesamtkonzept ergibt. Die Handlung hangelt sich an einem roten Faden entlang und das Drama geht am Ende problemlos auf. Man spürt förmlich, wie der Vulkan brodelt und irgendwann ausbricht. In „Die Ratten“ kommen Sehnsüchte und Wünsche ans Tageslicht, die jede Figur in sich trägt. Den Protagonisten schnüren diese Faktoren förmlich die Kehle zu. Als ob ihre eigene Gefühlswelt sie nicht schon erdrückt, kommt da auch noch das unglaublich einengende Bühnenbild von Stephan Heyne daher. Ein Koloss aus Kommoden und Schränken übt sich bedrückend auf die jeweiligen Familien aus, welche gleichzeitig ein Gefühl von Beklemmung beim Publikum vermitteln.

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Selma Knobbe (Antonia Schirmeister, links) versucht Frau John (Susi Wirth) zu decken.; Foto: Nilz Böhme

Doch so beeindruckend das Bühnenbild auch sein mag oder die Geschichte dramaturgisch schlüssig ist, merkt man, dass dieser Produktion das gewisse Etwas fehlt. Trotz einer starken Besetzung mag der Funke nicht bei jedem Theaterbesucher überspringen. Bei Susi Wirth als Frau John spürt man die pure Verzweiflung ihrer eigenen Sehnsüchte. Sie erschafft sich ihre eigene Welt und ist davon lange überzeugt, dass sie der Realität entspricht. Sie handelt gar kaltblütig in manchen Situationen. Und obwohl ihre Figur nicht davor zurückschreckt, das Leben anderer zu ruinieren, spürt man gleichzeitig, dass Blut für sie dicker als Wasser ist. Obwohl ihr Bruder Bruno, der von Lukas Paul Mundas gespielt wird, ein gewalttätiger Mann ist und er nicht von allen akzeptiert wird, nimmt sie ihn immer wieder in Schutz, obwohl sie tief im Inneren weiß, dass ihre Mitmenschen recht haben, was seine Persönlichkeit betrifft. Apropos Mundas: Dieser verkörpert eine Doppelrolle an diesem Abend, so wie einige seiner Kollegen auch. Als Bruno schafft er es, einen Hauch von Bedrohlichkeit auf die Bühne zu bringen. Er fixiert seine Opfer mit einem Blick, als wäre er ein Löwe in freier Wildbahn, der seine Beute im Visier hat und diese mit einer Leichtigkeit hinters Licht führen kann. Als Spitta schlüpft er in die Rolle eines dusseligen Theologen, der den Wunsch hegt, Schauspieler zu werden und mit der Tochter des Theaterdirektors durchbrennen möchte. Diese zwei verschiedenen Persönlichkeiten zu verkörpern, gelingt ihm ohne große Mühe. Er nimmt durch seine Wandelbarkeit dem Stück ein wenig die Schwere und die leichte Trägheit. Genau wie Oliver Niemeier als Hausmeister Quaquaro. In seinen wenigen Auftritten schafft er es, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Man spürt, dass ihm diese Rolle Spaß macht und auch liegt. Auch Burkhard Wolf kann in seiner Rolle als Hassenreuter gleich mehrere Facetten zeigen. Er ist nicht nur ein strenger Theaterdirektor und gleichzeitig jemand, der einem die eigenen Träume vermiesen kann, sondern auch ein liebender Vater, dafür aber auch wieder ein untreuer Ehemann. Sein Hassenreuter hat ein offenes Ohr für Jedermann und versucht doch meistens das Gute in seinen Mitmenschen zu sehen, obwohl manche Dinge ihn schnell zur Weißglut treiben können. Vor allem wenn es um seine Tochter geht, für die er nur das Beste möchte. Er kann sich selbst und seine Entscheidungen gut reflektieren und versucht zwischen den auftretenden Personen und deren Probleme zu vermitteln.

Während einige Akteure doch die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen können, haben es andere Figuren leider nicht so leicht. Zu diesen zählen beispielsweise Carmen Steinert als Pauline Piperkarcka, Iris Albrecht als Frau Hassenreuter und Frau Knobbe und Antonia Schirmeister als Alice Rütterbusch  und Selma Knobbe. Alle drei Frauen sind Schauspielerinnen, die es jedes Mal schaffen, ihrer Rolle das gewisse Etwas zu verleihen und den Rezipienten mit einer Leichtigkeit in ihren Bann ziehen können. Dabei ist es egal, ob sie eine Hauptrolle oder eine Nebenfigur verkörpern. Doch leider sind ihre Momente in dieser Inszenierung zu kurz und eintönig gestaltet. Léa Wegmann spielt Walburga ziemlich ausladend und teilweise auch auf Kraft. Das wirkt im Vergleich zu ihren Kollegen auf der Bühne ein wenig anstrengend. Ihr fehlt es ein wenig an Mühelosigkeit. Uwe Fischer schafft es als Herr John zumindest aus sich selbst herauszukommen. Obwohl er sich schnell zum Aufbrausen bringen lässt, zeigt auch er eine sensible Seite, wenn es um seine Frau und sein totes Baby geht. Doch obwohl seine Gefühlausbrüche angebracht sind, sind diese auch an einigen Stellen zu ein Ticken zu stark. Da mag auch wahrscheinlich ein allgemeiner Schwachpunkt in der Produktion liegen: Viel und laut ist nicht immer gleich besser. Hier bewahrheitet sich der Spruch „Weniger ist mehr“ ganz gut.

Die komplette Inszenierung findet zum Publikum gewandt statt. Das ist nicht ungewohnt im Theater. Doch für den Inhalt der Produktion ist es möglicherweise kontraproduktiv. So tragisch die Geschichten auch sind, die sich auf der Bühne ereignen und obwohl das Bühnenbild auch eine Art von Enge und kaum Ausweichmöglichkeiten um allein zu sein aufweist, hat man den Eindruck, dass eine große Distanz zwischen den Protagonisten liegt. Diese Distanz versucht man durch laute und emotionale Gefühlsausbrüche zu überwinden. Doch dies funktioniert eher weniger gut. Bei den Figuren schleicht sich mit der Zeit eine Monotonie ein. Kaum jemand der Charaktere macht eine Wandlung durch bzw. variiert in den entstandenen Situationen, was dem Stück ziemlich an Reizen einbüßt. Der Abend verläuft ein wenig holprig. Da ist definitiv noch Luft nach oben.

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Frau John (Susi Wirth, unten) kann sich nicht mehr mit ihren Lügen aus der Situation retten.; Foto: Nilz Böhme

„Die Ratten“ in der Inszenierung von Matthias Fontheim bietet eine Handlung, die in sich schlüssig und für jeden nachvollziehbar ist, genau wie ein beeindruckendes Bühnenbild. Die Abwechslung zwischen einem hochdeutschen und einem starken berlinerischen Dialekt tragen dazu bei, dass man sich durchgängig auf das Stück konzentriert. Eine gesunde Mischung aus trockenem Witz und dramatischen Handlungen runden den Abend ab. Dennoch sollte man nicht mit zu hohen Erwartungen in die Vorstellung gehen. Durch die Spielweise und der doch etwas größeren Distanz der einzelnen Figuren zueinander mag nicht bei jedem der Funke überspringen. Wer sich selbst ein Bild über die Produktion von Matthias Fontheim im Schauspielhaus machen möchte, der erhält Karten für weitere Vorstellungen entweder an der Theaterkasse oder unter http://www.theater-magdeburg.de.

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