Nichts für schwache Nerven – „A Clockwork Orange“ im Schauspielhaus Magdeburg

Dank der Verfilmung von Stanley Kubick hat der Roman „A Clockwork Orange“ von dem britischen Autor Anthony Burgess Kultstatus erreicht. Durch die Thematik ist der Film sehr brutal. Kann man solch einen Stoff überhaupt überzeugend auf die Bühne bringen? Cornelia Crombholz und Christiane Hercher zeigen in ihrer Inszenierung für das Schauspielhaus Magdeburg, dass es funktionieren kann. 

England in naher Zukunft. Der hochintelligente Teenager Alex (Carmen Steinert) zieht mit seinen „Droogs“ (Marian Kindermann, Daniel Klausner) durch die Stadt und schlagen wahllos wehrlose Opfer brutal zusammen und rauben sie aus. Sie schrecken auch nicht vor Vergewaltigungen zurück. Seine Eltern und auch die Lehrer (Antonia Sophie Schirmeister, Ralph Opferkuch, Michael Gerlinger) kommen nicht an ihn ran. Nachdem Alex einen Mord begeht, wird er inhaftiert. Nachdem er dort einen Zellengenossen umbringt, wird er für den Staat als Versuchskaninchen eingesetzt. Mit der „Ludovico-Technik“ wird er so konditioniert, dass er unfähig zur Gewalt wird, da diese bei ihm Übelkeit verursacht. Damit wird sein eigener Wille gebrochen. Nur wie lange hält diese „Therapie“ an?

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Sind in der ganzen Stadt bekannt: Alex (Carmen Steinert, Mitte) und seine „Droogs“ Georgie (Daniel Klausner) und Dim (Marian Kindermann).; Foto: Nilz Böhme

Schmerzverzerrte Gesichter sind im Publikum bemerkbar. Durch die Raumbühne von Christiane Hercher befinden sich die Zuschauer mitten im Geschehen. Die Protagonisten sind immer nur wenige Meter bis Zentimeter vom Rezipienten entfernt. Manchmal gehen sie sogar direkt zu ihnen. Es ist schier unmöglich sich von den grausamen Taten zu distanzieren, die vor den Augen der Anwesenden durchgeführt werden. Es gibt viel Spielraum und keine Ecke wird ignoriert. Flackernde Lichter, Nebelmaschinen  kommen hier zum Einsatz, um der Produktion noch mehr Authentizität als ohnehin schon zu geben. Zum Glück ist es nur ein Schauspiel. Das sollte man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Denn Regisseurin Cornelia Crombholz inszeniert in Zusammenarbeit mit Christiane Hercher die Bühnenversion der Royal Shakespeare Company von Burgess‘ Meisterwerk „A Clockwork Orange“ in einer unglaublichen Brutalität, sodass jeder in der Raumbühne schaudern muss. Denn nicht umsonst wird der Besuch des Stückes ab 16 Jahren empfohlen.

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Dim (Marian Kindermann, links) und Georgie (Daniel Klausner, rechts) scheuen sich auch nicht vor einer Vergewaltigung (hier mit Antonia Schirmeister).; Foto: Nilz Böhme

Die Schauspieler müssen für diese Inszenierung körperlich fit sein, denn sie werden stark beansprucht. Sie dreschen gegenseitig aufeinander ein, klettern auf Gitterwände und zappeln durch den Schuss aus einer Taser-Pistole auf dem Boden herum, was schon teilweise nach Breakdance-Moves aussieht. Es tropft nicht nur eine Menge Schweiß, sondern auch Blut. Nebenbei wird sich dann auch noch richtig in die Fresse gerotzt. Erbarmen? Fehlanzeige! Und genau das sind die Dinge, die diesem Bühnenstück die gewisse Glaubwürdigkeit der Thematik verleihen. Auch auf die fiktionale Jugendsprache „Nadsat“, die Burgess‘ erfunden hat, muss man hier nicht verzichten. Die meisten Wortneuschöpfungen sind auch für den älteren Zuschauer leicht nachzuvollziehen. Sollte dies nicht der Fall sein, findet er die Übersetzungen im Programmheft, welches er vor der Vorstellung noch erwerben kann. Doch gerade für Schulklassen ist diese Inszenierung eine willkommene Einladung, um Brutalität für sich selbst zu reflektieren. Denn leider ist Gewalt noch immer ein Thema, was noch immer ganz weit oben auf der Tagesliste steht. Wohin soll ein Mensch mit all seinen Aggressionen? Ist es richtig, wenn man diese Aggressionen an unschuldigen Menschen auslässt? Und was darf der Staat einem selbst zufügen? „A Clockwork Orange“ ist dazu da, um genau über diese Fragen zu sprechen und zu Diskussionen anzuregen.

Um diesen Stoff glaubwürdig zu transportieren, bedarf es an erfahrenen Schauspielern, die sich vor nichts scheuen. Die Inszenierung am Theater Magdeburg hat möglicherweise die perfekte Besetzung dafür gefunden. Man muss auch erstmal Mumm haben, eine weibliche Schauspielerin für die Rolle eines männlichen Protagonisten zu engagieren. Carmen Steinert hat mit der Hauptfigur die Chance gekriegt, ihr Können endgültig dem Magdeburger Publikum unter Beweis zu stellen. Und was soll man sagen: Sie spielt den Alex weltklasse. Sie hat eine unglaublich fesselnde Präsenz, wozu nicht nur ihr Kostüm beiträgt. Auf der einen Seite schlägt sie erbarmungslos auf ihre Kollegen ein und kassiert auch selbst gerne eine dicke Lippe. Dann wirkt sie plötzlich willenlos und körperlich geschwächt, aber zeigt es ihrem Gegenüber nicht. Dafür ist die Verkörperung ihres Alex viel zu tough. Mit dieser Rolle beweist sie, dass sie ein weites Spektrum ihres Könnens füllen kann.

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Die Catlady (Antonia Schirmeister) wird von Alex (Carmen Steinert) in ihrem Haus überfallen.; Foto: Nilz Böhme

Um sie herum trippeln immer wieder Marian Kindermann und Daniel Klausner, die es zwar nicht schaffen, Steinert die Show zu stehlen. Aber sie gehen auch nicht unter. In diversen Rollen zeigen sie, dass sie einerseits harte Burschen sein können und andererseits sorgen sie dafür, dass das Stück nicht komplett finster und ernst wirkt. Sie sind meistens dafür zuständig, dass die angespannten Gesichter der Rezipienten sich auch mal entspannen können, indem sie sie mit einigen Aktionen zum Schmunzeln oder gar zum Lachen bringen. Ebenfalls zum Lachen bringt das Publikum  Antonia Schirmeister als Catlady. Aber auch sie schlüpft in verschiedene Nebenrollen –  beispielsweise von laut und bestimmend (Gefängniswärterin) zu intelligent und sexy (Dr. Branom). Michael Gerlinger, der für dieses Stück am Schauspielhaus gastiert, verkörpert auch wie seine Kollegen mehrere Rollen. Doch er geht neben den anderen etwas unter. Das liegt aber nicht an seinem mangelnden Schauspiel-Talent. Ganz im Gegenteil. Er hätte viel mehr Einsatz verdient. Dafür harmoniert er mit den anderen Protagonisten im Zusammenspiel und gliedert sich super ein. Wer bei diesem Stück für eine große Überraschung sorgt, ist Ralph Opferkuch. Er ist ein Schauspieler, der wirklich alles spielen kann und man traut ihm sehr viel zu. Soweit nichts Neues. Doch mit seinem Auftritt als Autor J.P. Alexander macht er das Publikum für einen kurzen Moment perplex. Eine mutige Entscheidung von ihm, Crombholz und Hercher, die auf jeden Fall für Gesprächsstoff sorgt. Worum es sich handelt, wird in diesem Text nicht thematisiert. Sonst geht der Überraschungseffekt flöten.

Apropos Flöten: Musik spielt in diesem Stück auch eine essentielle Rolle. Diese bildet meistens einen extremen Gegensatz zu den Ereignissen, die sich vor den Augen der Zuschauer abspielen. Ob man es glaubt oder nicht, aber Alex steht total auf klassische Musik. Diese trägt auch zu der weiteren Entwicklung des Hauptprotagonisten bei. Und auch hier sorgt das Stück wieder für einige Überraschungen, die hier nicht zur Sprache kommen werden.

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Kein Entkommen für Alex. (Michael Gerlinger, Carmen Steinert, Ralph Opferkuch); Foto: Nilz Böhme

„A Clockwork Orange“ in der Inszenierung von Cornelia Crombholz und Christiane Hercher ist die zweite Produktion in der „Raumstation Paradies“. Während „Ab jetzt“ noch die Lachmuskeln beansprucht, werden in diesem Bühnenstück eindeutig andere Gesichtspartien oder gar Körperteile rein vom Zusehen her schmerzen. Aber natürlich positiv gesehen. Denn was in dieser Inszenierung abgeliefert wird, ist wirklich ganz großes Kino auf einer Theater“bühne“. Dadurch, dass wirklich der ganze Raum genutzt wird und das Publikum auf eine gewisse Art und Weise mit einbezogen ist, wird auch dieser Theaterbesuch zu einem ganz anderen Erlebnis. Es wirkt viel intensiver und bedrohlicher. Für solche Aufführungen ist so eine „Bühne“ perfekt geschaffen. Alle Beteiligten haben riesigen Respekt vor ihrer (körperlichen) Leistung verdient. Ein Stück, was sich im Gedächtnis des Rezipienten verankern wird und an das sich immer wieder zurückerinnert wird.

 

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