(K)eine Bilderbuchhochzeit?! – Bertold Brechts „Die Kleinbürgerhochzeit“ im Schauspielhaus Magdeburg

Wenn ein Paar Hochzeit feiert, dann träumt es davon, dass es der schönste Tag in ihrem Leben wird. Doch manchmal ist so eine Feier in der Vorstellung schöner als in der Realität. Das hat auch auch der 21-jährige Medizin- und Philosophiestudent Bertold Brecht zu seiner Zeit beobachtet und den Einakter „Die Hochzeit“ getextet. Später machte er aus diesem Schauspiel „Die Kleinbürgerhochzeit“. Dies ist wohl das bekannteste Bühnenstück von Brecht und es wird noch heute in diversen Schauspielhäusern aufgeführt. Auch Magdeburg zieht jetzt unter der Regie von Peter Kleinert mit. 

Auf der Hochzeitsfeier von Jakob (Cornelius Gebert) und Maria (Léa Wegmann) will die gute Stimmung nicht so wirklich aufkommen. Das mag an ihren Gästen liegen. Die haben sich nämlich nichts zu sagen. Während die Mutter des Bräutigams (Iris Albrecht) Kabeljau und Co. auftischt, versucht der Vater der Braut (Thomas Schneider) mit seinen Anekdoten die Laune der anderen Gäste etwas aufzuheitern. Doch niemand interessiert sich für die Geschichten. Tanz- und Gesangseinlagen sowie Spiele helfen auch nicht, die Stimmung nach oben zu fahren. Lediglich die selbst gebauten Möbel des Brautpaares stoßen bei der Verwandschaft auf Gesprächsbedarf. Die Situation spitzt sich immer mehr zu und je mehr Wein fließt, desto mehr droht die Hochzeitsfeier ein Desaster zu werden.

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Noch scheint das Glück perfekt zwischen Jakob (Cornelius Gebert) und seiner Maria (Léa Wegmann) zu sein.; Foto: Nilz Böhme

Viele Stücke, die im letzten Jahrhundert entstanden, sind auch noch heute von ihrer Thematik hoch aktuell. Auch Brechts „Die Kleinbürgerhochzeit“ gehört zu den zeitlosen Werken und können einfach immer wieder aktualisiert und auf das Hier und Jetzt zugeschnitten werden. Es geht um Probleme, die für niemanden unbekannt sind. Ist eine Heirat wirklich notwendig? Was bedeutet es eigentlich, wenn man den Bund der Ehe eingeht? Viele Paare wollen sich an diesem Tag nicht nur für immer die Liebe schwören, sondern auch ihren Status vor versammelter Mannschaft zeigen. Da bleibt das Tuscheln manchmal nicht aus. Und wenn dann auch noch Leute aufeinander treffen, die sich nichts zu sagen haben oder miteinander im Clinch liegen – na dann Prost Mahlzeit! Meistens liegt es auch an den unterschiedlichen Generationen, die an solch einem Tag aufeinander treffen. Auch in Brechts „Die Kleinbürgerhochzeit“ werden all die Aspekte deutlich. Es finden sich die Familie und die Freunde eines frisch getrauten Brautpaares zusammen und alle könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Alten sorgen sich um das Wohlergehen ihrer Kinder und plaudern über Geschichten aus vergangener Zeit, während die jüngeren Gäste lieber feiern und trinken wollen. Deswegen ist es nicht gerade einfach, dass die Protagonisten auf einen Nenner kommen. Sie können sich nicht voll und ganz amüsieren, schweigen sich an und langweilen sich am Tisch. Peter Kleinert schafft es allerdings, dass sich diese gähnende Langeweile nicht komplett ins Publikum überträgt, sondern schlägt die Aktionen komödiantisch um.

Neben den kleinen Zankereien wird auch immer wieder gegen die Einrichtung des Brautpaares gestichelt. Der Bräutigam geht mit der Zeit und ist total auf dem Do-it-Yourself- Trip. Außerdem muss alles Bio sein. Doch auch hier wird wieder gezeigt, dass Bio-Produkte noch immer ins Lächerliche gezogen werden. Und obwohl das Wohnzimmer einen leichten IKEA-touch hat, findet man trotzdem noch recht ungewöhnliche Möbelstücke wie z.B. einen abgeschrägten Stuhl oder eine Badewanne, die als Couch umfunktioniert wurde. Dazu gibt es Kissenbezüge mit den Gesichtern des frisch vermählten Ehepaares. Hier lässt Christina Kirk, die für die Bühne und Kostüme verantwortlich ist, ihrer Fantasie freien Lauf. An Ideen und Ausgefallenheit fehlt es ihr nicht. Aus Deko-Buchstaben wie „MR & MRS“ wird auch mal schnell ein eindeutiges „SM“ zusammengewürfelt. Auch die Kostüme bleiben im Gedächtnis. Sie sind bunt, flippig und auf den jeweiligen Charakter zugeschnitten. Das ganze Stück ist extrem auf das Moderne und Aktuelle getrimmt. Es werden WhatsApp-Gruppen gegründet, wo Songtexte rumgeschickt werden, anstatt den Walzer zu tanzen, wird zu Musik von Scooter gezappelt usw. Kurz gesagt: alles ist fancy und total 2018 – natürlich aber etwas überspitzt.

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Zur Feier des Tages wird von der Brautmutter (Iris Albrecht, Mitte) Kabeljau für Maria (Léa Wegmann, links), Jakob (Cornelius Gebert, rechts) und deren Gäste kredenzt.; Foto: Nilz Böhme

Und auch die Figuren könnten unterschiedlicher nicht sein. Obwohl Cornelius Gebert als Bräutigam immer präsent auf der Bühne ist, hat er für sein Können leider dieses Mal nicht allzu viel beizutragen. Doch wenn er einmal zu Worte kommt, dann merkt man, dass er immer einen bissigen Spruch auf seinen Lippen hat. Er glänzt in diesem Stück eher durch seine Mimik. Aber er fällt auch durch seinen rotblonden Zopf und dem nicht akkurat passenden lilafarbenen Anzug auf. Man spürt, dass er eine enge Verbindung zu seiner Mutter pflegt. Apropos Mutter: Iris Albrecht muss nicht viel sagen, um sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen. Man drückt ihr einfach ein Smartphone in die Hand und das Publikum lacht sich schlapp. In Zeiten von Instagram, Snapchat und Co. findet auf der Bühne ein Wandel der Generationen statt. Anstatt das junge Brautpaar selbst oder die Geschwister oder Freunde ist es die Mutter des Bräutigams, die jede Aktion auf Fotos oder Videos festhält. Sie knipst was das Zeug hält und macht auch vor dem Benutzen eines Selfie-Sticks keinen Halt. Diese Aktionen sorgen immer wieder für Brüller aus den Zuschauerrängen.

Léa Wegmann kann nach dem Weihnachtsmärchen in diesem Stück wieder mal eine ganz andere Seite von sich zeigen. Sie versucht als Braut die Stimmung aufrecht zu erhalten und hält zu ihrem frisch Angetrauten, wenn dieser gerade unter Beschuss der Verwandschaft steht. Aber sie hat auch eine eifersüchtige Seite und zieht mit ihrem Vintage-Hochzeitskleid alle Register und geizt auch nicht mit ihren Reizen, um ihrem Mann zu zeigen, dass auch sie für andere Männer noch begehrenswert ist. Mit anderen Männern ist Frank, der Freund des Bräutigams, gemeint. Oliver Niemeier fungiert als Party-Monster und macht auch vor einem heißen Tanz mit der Braut nicht Halt. Er hat auf jede anwesende Dame ein Auge geworfen und sorgt eindeutig für kurze Stimmungshöhen auf der Feier – für das Publikum jedoch mehr als für die Hochzeitsgesellschaft selbst. Niemeier hat offensichtlich Entertainer-Qualitäten. Wenn er nicht gerade Schauspieler wäre, könnte man ihm auch abnehmen, dass er als Animateur tätig ist. Auch Thomas Schneider glänzt wieder in einer äußerst amüsanten Rolle. Als Vater der Braut ist er sehr mitteilungsbedürftig und haut eine Anekdote nach der anderen raus. Witzig ist aber, dass er diese Geschichten mehr feiert als all die anderen, die mit ihm am Tisch sitzen. Er sieht, dass die Möbel seines Schwiegersohnes nichts taugen und versucht ihm auf eine unterschwellige, aber sehr unterhaltsame Art und Weise, seine Erbstücke zu vermachen. In seinem goldenen Sakko wirkt er außerdem auch noch recht jung und flippig.

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Das Nudelholz-Spiel soll den Gästen als Icebreaker dienen. (Amadeus Köhli, Maike Schroeter); Foto: Nilz Böhme

Auffällig ist auch Ina, die Schwester der Braut. Maike Schroeter fällt mit ihren langen blauen Haaren extrem aus der Reihe, wirkt zwar anfangs etwas unsicher und zurückhaltend, explodiert aber förmlich, als sie für ihre Schwester ein Lied singt. Im Laufe der Geschichte gewinnt man den Eindruck, dass sie die einzige Person auf der Party ist, die wirklich richtig Spaß hat. Das mag vielleicht daran liegen, dass sie sich zu einem Gast ganz besonders hingezogen fühlt. Hans Mildner, der von Cem Göktas gespielt wird, ist eigentlich gar nicht zur Hochzeitsfeier geladen. Die vermeintlichen Außenseiter finden während des Stückes zueinander und verschwinden auch kurz von der „Party“, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Das größte Problem und die eigentlichen Stunkmacher am Tisch sind Emmi, die beste Freundin der Braut, und ihr Mann Bertold. Diese Ehe ist sichtlich dem Scheitern verurteilt. Pia-Micaela Barucki hat in ihrer Rolle ihren Gatten, der von Amadeus Köhli verkörpert wird, total unter ihrem Pantoffel. Sie fällt ihm gerne ins Wort, sodass er anfängt zu schweigen oder das, was er sagen wollte, plötzlich „vergisst“. Sie drängt sich ziemlich in den Mittelpunkt der Gesellschaft und versucht um jeden Preis von allen Aufmerksamkeit zu erlangen. Barucki schafft es, dass man als Rezipient genervt von ihrer Figur ist und man ihr selbst das Wort abschneiden möchte mit den Worten: „Hey, es geht hier heute ausnahmsweise mal nicht um dich!“ Und sowas muss man erstmal schaffen. Mehr möchte man von Köhli hören, der viel Mitleid vom Publikum bekommt. Doch er macht womöglich die größte Entwicklung auf der Bühne. Er weist seine Frau in die Schranken und lässt sich nicht mehr von ihr unterbuttern. Köhli ist ein absoluter Sympathieträger in seiner Rolle.

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Nachdem die Gäste verschwunden sind, gibt es anstatt der traditionellen Hochzeitsnacht erstmal eine Diskussion zwischen dem frisch vermählten Ehepaar. (Cornelius Gebert, Léa Wegmann); Foto: Nilz Böhme

So viele verschiedene Typen machen die Farce perfekt. Es fliegen nicht nur Möbelstücke durch die Gegend und auch nicht nur spitze Wortfetzen, die die Protagonisten immer wieder an ihren empfindlichsten Stellen treffen. Auch musikalische Darbietungen bringen immer wieder neuen Pepp in die Geschichte. Man merkt, dass die Darsteller Spaß auf der Bühne haben. Das Publikum ist nicht nur zum Zuschauen eingeladen, sondern es ist auch selbst ein Teil der „gekauften“ Hochzeitsgesellschaft. So sollen sich alle unverheirateten Frauen auf das Fangen des Brautstraußes bereitmachen und auch das Schießen eines Bildes ist erlaubt. Die Pointen kommen ebenfalls gut und man mag auch mindestens eine Person, die sich auf der Bühne befindet, in seinem eigenen Leben wiedererkennen. Das Chaos ist am Ende „on Point“ und wirkt trotz einiger Überspitzungen nicht aufgesetzt. Es handelt sich schon um eine recht realistische Darstellung des heutigen Kleinbürgertums mit ihren üblichen Problemen und Auseinandersetzungen. Dennoch kann der Hergang sich an der ein oder anderen Stelle etwas langatmig anfühlen. Manchmal ist auch der Rhythmus der Inszenierung nicht ganz stimmig. Bei der Premiere wurden die Lacher vom Publikum zumindest dosiert eingesetzt. Woran genau das lag, darüber mag man munkeln. Das Stück scheint das Publikum zu spalten. Und auch Dinge, die erst zum Schluss aufgeklärt werden, werfen nochmal ein ganz anderes Bild auf das zuvor Gesehene und sorgt in der heutigen Zeit nicht mehr für perplexe Gesichter. Am Ende erkennt der Rezipient möglicherweise, dass es sich wirklich um ein ganz durchschnittliches Drama handelt. Doch Kleinerts Inszenierung ist keineswegs missglückt. Die Besetzung und die Kulisse trägt einen großen Teil dazu bei, einen unterhaltsamen Abend zu gestalten.

Wer an der etwas anderen Hochzeitsfeier von Jakob und Maria beteiligt sein möchte, der kann käuflich an der Theaterkasse oder unter http://www.theater-magdeburg.de eine Einladung erwerben.

 

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