Nichts geht über Traditionen: „Anatevka“ am Theater Magdeburg

Es ist für die Magdeburger jedes Mal eine erfreuliche Nachricht, wenn sie im Spielplan des Theaters den Namen Erik Petersen lesen. In der aktuellen Spielzeit meldet er sich mit dem von Joseph Stein, Jerry Bock und Sheldon Harnick erschaffenen Musical „Anatevka“ zurück in seiner Heimatstadt.

Der Milchmann Tevje (Andreas Lichtenberger) lebt zusammen mit seiner Frau Golde (Ks. Undine Dreißig) und seinen fünf Töchtern im ukrainischen Dorf Anatevka. Mittlerweile sind drei seiner Töchter im heiratsfähigen Alter. Die Heiratsvermittlerin Jente (Susi Wirth) hat bereits für die älteste Tochter Zeitel (Manja Stein) einen passenden Mann parat. Doch Zeitel liebt ihren langjährigen Jugendfreund und Dorfschneider Mottel (Benjamin Sommerfeld). Die zwei Liebenden versuchen den traditionsbewussten und jüdisch gläubigen Tevje von ihrer Liebe zu überzeugen. Letztendlich gibt er nach und schenkt dem jungen Paar seinen Segen. Wenig später kommt auch seine zweitälteste Tochter Hodel (Beatrice Reece) auf ihn zu, die ihm gesteht, dass sie sich in den Hauslehrer Perchik (Jan Rekeszus) aus Kiew verknallt hat. Auch hier gibt Tevje wenig später nach und willigt der Verlobung ein. Nur bei seiner Tochter Chava (Isabel Stüber Malagamba) macht er keine Ausnahme, die Gefühle für den russischen Christen Fedja (Olli Rasanen) hegt. Doch das ist nicht das einzige Problem, was sich in Tevjes Welt auftut…

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Milchmann Tevje (Andreas Lichtenberger, 2.v.l.) erklärt seiner Tochter Zeitel (Manja Stein, links), dass er sie dem Fleischer Lazar Wolf versprochen hat. Foto: Kirsten Nijhof

Im Ansiedlungsrayon des Russischen Kaiserreichs liegt das fiktive Dörfchen Anatevka, wo 1905 die Post abgeht. Die jüdischen Gemeinden schwören auf die Tradition und feiern ihre Feste, wie sie gerade fallen. Sie leben in einer vermeintlich heilen Welt. Doch in Wirklichkeit legt sich ein grauer Schatten über die Dorfbewohner. Sie sind nicht länger in Anatevka erwünscht, was sie den Russen zu verdanken haben. Es kommt zu Massenauswanderungen und politisch angespannten Situationen. Es werden Probleme aufgezeigt, die auch heute aktueller nicht sein könnten. Und gerade jetzt, wo die nächsten Wahlen vor der Tür stehen, haben Inszenierungen wie „Anatevka“ nochmal eine besondere Wichtung. Ob der Zeitpunkt der Premiere am Magdeburger Opernhaus auf die anstehenden Ereignisse abgezielt hat oder rein zufällig gewählt wurde: Das Musical kommt zur richtigen Zeit. Denn Erik Petersen schafft es mit der Produktion, dem Publikum nochmal einen Denkanstoß zu verpassen. Trotzdem soll der Theaterbesuch nicht durchgehend düster sein. Vor allem im ersten Akt wird alles aufgefahren, was möglich ist. Von Sabbat- bis zur Hochzeitssause gibt es nicht nur eine ausgelassene Stimmung auf der Bühne. Selbst dem Publikum fällt es schwer, die Füße still zu halten. Das dörfliche Bühnenbild, welches von Anja Lichtenegger kreiert wurde, schließt den Orchestergraben und sorgt dafür, dass die Akteure noch näher beim Zuschauer sein können. Apropos Orchester: Dieses befindet sich für alle sichtbar im Bühnenhintergrund. Die Kostüme von Kristopher Kempf halten sich auch an der Tradition. Die Frauen steckt er in Blusen und Röcke, die Männer in Hemden. Aber auch so manch ausgefallene Tracht schafft es auf die Bühne, die mal von einem Dorfplatz zur Bibliothek bis hin zu einem gemütlichen Zuhause wird.

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„Wenn ich einmal reich wär“: Tevje (Andreas Lichtenberger) malt sich aus, wie es wäre, wenn er keine Ängste und Nöte mehr hätte. Foto: Kirsten Nijhof

Besonders faszinierend ist die Besetzung der auftretenden Personen. Petersen hat sich dafür die Crème de la Crème an Solisten geschnappt, die sich bereits schon bei einigen anderen Inszenierungen in die Herzen der Zuschauer spielen und singen konnte, unabhängig davon, ob sie sich zurzeit im Ensemble befinden oder nicht. Da wären beispielsweise die drei heiratsfähigen Töchter des Milchmanns: Zeitel, Hodel und Chava, die von Manja Stein, Beatrice Reece und Isabel Stüber Malagamba verkörpert werden. Sie schwimmen gegen den Strom und versuchen ihre Eltern davon zu überzeugen, dass wahre Liebe nur existieren kann, wenn man diese selbst findet. Aber nicht nur in ihren Entscheidungen treten sie selbstsicher auf. Auch gesanglich berühren sie mit ihren Emotionen die Herzen der Zuschauer. Benjamin Sommerfeld kommt als der schüchterne Schneider Mottel auf die Bühne. Zwischen ihm und Zeitel knistert es gewaltig. Als er davon erfährt, dass Tevje seine Liebste an den Fleischer Lazar Wolf (Johannes Wollrab) versprochen hat, kostet es ihn große Überwindung, sich vor den Milchmann zu stellen und ihm zu sagen, dass er um die Hand seiner ältesten Tochter anhalten möchte. Zu seiner großen Überraschung bekommt er den Segen des sorgsamen Vaters. Sommerfeld verleiht seiner Figur unglaublich viel Charme und sorgt jedes Mal für fröhliche Gesichter im Publikum, wenn er die Bühne betritt. Jan Rekeszus nimmt als Perchik eine beobachtende Rolle ein und versucht den Menschen in seiner Umgebung Ratschläge für ein vernünftiges Zusammenleben zu geben, ohne sich dabei in den Vordergrund zu stellen. Die Beziehung zwischen ihm und Hodel entwickelt sich langsamer als bei den anderen Pärchen. Anfangs leben sie getreu nach dem Motto: „Was sich neckt, das liebt sich.“ Nicht nur schauspielerisch stimmt die Chemie zwischen Rekeszus und Reece. Auch stimmlich harmonieren sie hervorragend zusammen, wie sie es bereits 2016 beim DomplatzOpenAir „Hair“ zeigen konnten. Johannes Wollrabs Lazar Wolf trägt seine Nase ganz weit oben, da er weiß, dass viele Dorfbewohner in Anatevka arm dran sind. Er hingegen besitzt ausreichend Geld, um eine Familie zu versorgen. In seiner Einsamkeit eröffnet er Tevje, dass er seine Zeitel zur Frau nehmen möchte. Den Deal, den er mit dem Milchmann aushandelt, begießt er mit einer ordentlichen Portion Alkohol. Neben der amüsanten Seite zeigt sich Wollrabs Figur bemitleidend, als jenes Versprechen gebrochen wird. Genau in solchen Rollen sieht das Magdeburger Publikum den vielseitigen Solisten gern. Auch Susi Wirth, die als Heiratsvermittlerin Jente auf der Bühne erscheint, sorgt mit ihrer etwas schrulligen Art für unterhaltsame Momente. Wirth will in ihrer Rolle nur einen guten Job machen und ihren guten Ruf behalten. Sie hält nichts von den Traditionsbrüchen des Milchmanns. Doch irgendwann kommt auch sie an dem Punkt und reflektiert langsam, dass sich die Zeiten geändert haben.

Neben all den Liebeleien gibt es auch noch die Beziehung zu den zwei Hauptprotagonisten, die für nachdenkliche Momente sorgt. Während die Töchter von Golde und Tevje gegen die Heiratsvermittlungen rebellieren, sind die Figuren von Kammersängerin Undine Dreißig und Andreas Lichtenberger genau die Frucht einer eingehaltenen Tradition. Sie konnten sich nicht selbst aussuchen, in wen sie sich verlieben, sondern wurden einander versprochen. Aus einer erzwungenen Partnerschaft entstanden doch Liebesgefühle und die Familie wuchs und wuchs. Aber in den vergangenen Jahren schlich sich auch bei ihnen der Alltag ein. Deswegen ist das gemeinsame Duett von „Ist es Liebe?“ einer der absoluten Gänsehautmomente des gesamten Stücks. Gerade Dreißigs Golde, die als fürsorgliche Mutter auftritt, entfacht mit ihren Blicken, die sie ihrem Mann schenkt, ein wahres Feuerwerk an Gefühlen. Doch der Star des Abends bleibt die Besetzung des Tevje durch Andreas Lichtenberger. Schon vom ersten Moment an verzaubert er die Zuschauer mit seiner wohlwollenden und warmen Ausstrahlung. Sein Tevje ist, obwohl er immer wieder zwischen zwei Stühlen steht, sehr humorvoll. Gerade in den Momenten, wo er über seinen Schatten springt und sich für einen Traditionsbruch entscheidet, wo er immer wieder in einem Zwiegespräch mit seinem Gott steht, punktet er bei den Rezipienten. Doch er kann auch ein Sturkopf sein. Als seine Tochter Chava ihm mitteilt, dass sie einen russischen Christen heiraten möchte, brennen bei ihm die Sicherungen durch. Da sie sich ihrem Vater widersetzt, entschließt sich Tevje, sie zu verstoßen. Mit dieser Gratwanderung schafft es Lichtenberger, den Rezipienten zu schockieren. Denn in diesem Fall bleibt er ungewohnt hartnäckig.

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Ein Traditionsbruch, der sich gelohnt hat: Zeitel (Manja Stein) und Mottel (Benjamin Sommerfeld) feiern Hochzeit. Foto: Kirsten Nijhof

Nicht nur die darstellenden Solisten aus Petersens Inszenierung sind mit lobenden Worten zu erwähnen. Auch Damian Omansen als Musikalischer Leiter dirigiert die Magdeburgische Philharmonie wieder mit viel Leidenschaft. Er gibt präzise Töne an, lässt durch seine Anweisungen stimmungsvolle russische Folklore erklingen. Das Orchester wird dazu noch von der Folkband Foyal unterstützt, die nicht einfach nur ihre Musik spielen, sondern richtig in die Handlung mit einbezogen werden. Dabei haben sie sichtlich Spaß an ihrer Performance. Apropos Spaß an der Performance: Genau das zeigen Mitglieder des Balletttänzerensembles beispielsweise in den Kneipenszenen. Vor allem bei ihrem Flaschentanz ernten sie vom Publikum einen tosenden Applaus. Am Stärksten beeindruckt hier allerdings auch wieder der Opernchor. Dieser ist für das Theater pures Gold und lässt keinen Besucher unbeeindruckt zurück. Die stimmgewaltigen Sänger setzen dem Musical noch das i-Tüpfelchen auf und sorgen für einen rundum gelungenen Abend, der jede Emotionslage abdeckt.

Mit der Produktion zu „Anatevka“ hat Erik Petersen die Erwartungen der Zuschauer völlig übertroffen. Er fährt dafür alles auf, um den Musicalbesuch zu einem besonderen Erlebnis zu machen. Das gelingt ihm, indem er die Handlung mit Darstellern erzählt, die sie authentisch, mit viel Feingefühl und Spaß auf die Bühne bringen. All das, was die Akteure zeigen, reist alle Anwesenden in einen Bann. Vor allem die Musiker imponieren durch ihre vielfältigen und kräftigen Stimmen. Und obwohl es viele Feste zu feiern gibt, hinterlässt das Ende des Stückes einen bitteren Beigeschmack beim Rezipienten, wenn er erst erkennt, wie realitätsnah die Erzählung ist. Trotz der auftretenden Melancholie ist der Abend ein absolutes Meisterwerk und wird auch in der kommenden Spielzeit für ausverkaufte Vorstellungen sorgen.

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