Nazi-ABC für ‚Negerkinder‘: „Familie Braun“ am Nordharzer Städtebundtheater

Mit „Familie Braun“ hat das ZDF Anfang 2016 einen unerwarteten Erfolg verbucht. Mehrfach wurde die Dramedy-Serie mit Preisen ausgezeichnet. Wenig später sollte sich noch ein anderer Weg ergeben, um die dort gezeigte Thematik einem anderen Publikum zu präsentieren: dem Theaterpublikum. Dafür verfasste der Drehbuchautor Manuel Meimberg eine entsprechende Version für die Bühne. Um zu sehen, ob die sensible und gleichzeitig chaotische Handlung auch live funktioniert, wird zurzeit „Familie Braun“ im Nordharzer Städtebundtheater als sogenanntes Try out in der Inszenierung von Sebastian Wirnitzer aufgeführt. Doch eine Frage schwirrt dabei immer wieder in den Köpfen der (potentiellen) Zuschauer herum: Darf man solche rechtsradikalen Aktionen in einem Theater zeigen?

Die beiden Neonazis Thomas (Eric Eisenach) und Kai (Jonte Volkmann) leben in einer Wohngemeinschaft. Zusammen drehen sie rassistische Do-it-Yourself-Videos für ihren YouTube-Kanal und bereiten sich auf anstehende Pegida-Demonstrationen vor. Zwischen den Freunden herrscht ein gutes Klima, bis eines Tages die dunkelhäutige Malaika (Benita Sarah Bailey) vor der Tür steht. Sie konfrontiert Thomas mit dem Ergebnis ihres One-Night-Stands: die gemeinsame Tochter Lara (Ananya Bönisch/Samara Broß). Da Malaika nach Eritrea abgeschoben wird, muss Thomas die Verantwortung für das neunjährige Mädchen übernehmen. Dieser glaubt aber nicht daran, dass er der Vater des „Negerkindes“ ist. Für die jungen Rassisten ist klar: das Kind muss weg! Doch selbst mit einer eBay-Auktion werden sie ihr Problem nicht los…

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Kai (Jonte Volkmann, rechts) ist genervt von seinem Mitbewohner Thomas (Eric Eisenach). Dieser hat mit einer Dunkelhäutigen ein „Negerkind“ in die Welt gesetzt. Foto: Ray Behringer

Schon beim Betreten des Saals werden die Gedanken des Zuschauers erstmals auf die Probe gestellt. Auf der Bühne erblicken sie eine recht gemütlich eingerichtete Wohnung, die schon danach schreit, dass es dort einen reinen Männerhaushalt gibt. Beim genaueren Betrachten fallen dem ein oder anderen bereits nationalsozialistische Details ins Auge, welche Andrea Kaempf ins Bühnenbild hat einfließen lassen. Doch besonders auffällig ist die große Leinwand, auf der sich das Motiv einer Postkarte mit dem Gesicht von Adolf Hitler drauf befindet. Einige Rezipienten zücken ihr Smartphone, um ein Foto von der Kulisse zu schießen. Unter ihnen befinden sich junge Leute, die ihren Besuch gerne mit ihren Freunden in den sozialen Netzwerken teilen würden. Doch sie stehen im Zwiespalt. „Könnten meine Follower denken, dass ich rassistisch bin, wenn ich das poste?“ ist nur eine von mehreren Fragen, die in den Minuten vor der Aufführung leise zu hören ist. In der Hand halten sie einen Sticker mit der Aufschrift „FCK NZS“, der auf ihren Plätzen lag. Und dann geht auf einmal alles ganz schnell. Das Licht geht aus, der Einspieler wird auf dem zum Publikum gerichteten Fernseher gezeigt. Zwei maskierte Männer treten am rechten Bühnenrand auf, singen die erste Strophe von „Das Lied der Deutschen“, schauen dabei in die vor einem Basteltisch aufgestellte Kamera, deren Bild ebenfalls im TV eingeblendet wird. Zur Begrüßung gibt es von einem der Maskierten ein kräftiges „Sieg Heil, ihr Fotzen!“. Ein erstes Raunen geht durch den Saal. Doch es dauert nur wenige Sekunden, bis der erste gelungene Gag auf das Konto der Akteure geht, indem sie demonstrieren, wie man aus gewöhnlichen Essstäbchen SS-Stäbchen zaubert.

Es ist egal, ob die Serie vor dem Fernseher konsumiert wird oder ob man sich für einen Besuch im Theater entscheidet, denn die Reaktionen bleiben oftmals die gleichen. Der Unterschied liegt nur darin, dass eine Live-Vorstellung ein ganz anderes Gefühl bei den Rezipienten vermittelt. Sie sind mittendrin im Geschehen und könnten, wenn sie wollten, mit in die Handlung eingreifen. Bei solch einer noch immer präsenten Thematik fühlen sie sich bei jeder Reaktion, die sie zeigen, automatisch von den Menschen im näheren Umkreis bewertet. Das sind Verhaltensweisen, die für Manuel Meimberg und Sebastian Wirnitzer kostbar sind. Somit können sie herausfinden, ob der Stoff der Serie ebenfalls für die Bühne geeignet ist. Deswegen wird die veränderte Fassung als Try out im Nordharzer Städtebundtheater aufgeführt. Schon rund drei Monate nach der Premiere zeigt sich, dass Meimbergs überarbeitetes Konzept aufgeht. Leute von außerhalb nehmen einen langen Weg auf sich, um das Stück zu sehen. Während die Schauspieler Edin Hasanović und Vincent Krüger, die Hauptdarsteller der Serie, sich in Deutschland bereits einen Namen gemacht haben, sind die Hauptcharaktere der Bühnenfassung noch völlig unverbrauchte Gesichter. Das könnte ein Nachteil sein, ist es aber nicht. Denn Wirnitzer möchte nicht die Erfolgsserie als 1:1-Kopie auf die Bühne bringen. Dafür baute Meimberg zusätzlich weitere Figuren in die Produktion mit ein, um der Handlung und der Entwicklung der auftretenden Charaktere mehr Substanz zu geben. Regisseur Wirnitzer fand auch in Eric Eisenach und Jonte Volkmann andere Typen, als Hasanović und Krüger es sind. Und die beiden bringen genau die Energie mit, die man für solch eine Aufführung im Theater braucht. Die zwei männlichen Hauptcharaktere und die Jungdarstellerin schaffen es, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und treten in ihren jeweiligen Rollen überzeugend auf. Der Ton ist etwas derbe und teilweise durch die Benutzung von Fäkalsprache ziemlich schmutzig, was der Handlung auch eine gewisse Art von Härte gibt. Denn so ist mittlerweile das reale Leben. Um weitere Dimensionen zu öffnen, werden Szenen, die sich vor der Haustür abspielen, via Videoübertragung auf dem TV-Bildschirm eingeblendet. Der besondere Charme an dem Einsatz des Stilmittels ist, dass die auftretenden Personen meistens von den Leuten dargestellt werden, welche ebenfalls an der Produktion beteiligt, jedoch in der Regel hinter der Bühne tätig sind.

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„Heil Hitler!“ Lara (Samara Broß) möchte zum Kostümfest in der Schule als Führer erscheinen. Foto: Ray Behringer

Nach dem mit Klischees überhäuftem Bühnenbild sowie der eindeutigen Statement-Kostüme, die ebenfalls von Kaempf stammen, könnte leicht der Eindruck entstehen, dass auch die handelnden Akteure einen Gag nach dem anderen raushauen und eine Art Live-Sitcom daraus machen wollen. Dem ist aber nicht so. Meimberg und Wirnitzer dosieren die Pointen und sind nicht auf der Jagd nach Lachern. Schließlich werden in dem Stück Themen behandelt, die nicht nur im letzten Jahrhundert präsent waren, sondern noch heute aktuell sind. Während des Verlaufs ist auch immer wieder ein innerlicher Disput bei einigen Zuschauern zu spüren. Sie amüsieren sich über etwas, wissen aber nicht, ob sie laut lachen sollen oder nicht. Denn obwohl sie einige Situationen witzig finden, rufen sie sich immer wieder ins Gedächtnis, dass manche Sachen der Realität nicht allzu fern sind. Doch die Schauspieler vermitteln das Gefühl, dass es völlig in Ordnung ist, sich über die Handelnden lustig zu machen. Denn obwohl sich der Zuschauer immer wieder automatisch ins Gedächtnis ruft, dass es solche oder so ähnliche Geschichten gibt, bringen die einzelnen Schauspieler ganz wichtige Faktoren mit, um unterhaltsam zu sein, aber auch die Ernsthaftigkeit bei der Vermittlung der Message nicht aus den Augen zu verlieren: Witz, Charme und Empathie. Aber vor allem ist es die Naivität des Kindes, die für eine spaßige Aufklärung sorgt, warum sie als Andersfarbige nicht weniger Wert ist als die Menschen, die sich als „arische Rasse“ sehen. Samara Broß hat es als Lara auch faustdick hinter den Ohren. Obwohl sie noch nicht viel von der deutschen Geschichte versteht, weiß sie ganz genau, wie sie mit zwei Männern umzugehen hat, die eigentlich nichts mit ihr zu tun haben wollen. Sie versucht ihre neue Familie zu ihrem Glück zu bringen. Denn sie wünscht sich eine heile Welt, in der niemand benachteiligt wird. Für eine junge Schauspielerin legt sie eine sehr professionelle und überzeugende Darbietung ab.

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Gespannt liest Thomas (Eric Eisenach) das Ergebnis des Vaterschaftstests. Foto: Ray Behringer

Es gibt Situationen, wo sich der Mensch in etwas verrennt, ohne dessen Bedeutung wirklich bewusst zu sein. So ist es auch bei Eric Eisenach als Thomas. Obwohl er in Kai seinen besten Freund gefunden hat und beide anfangs die gleichen Absichten verfolgen, wird schnell klar, dass Thomas eigentlich ein schlauer Kerl ist. Schließlich muss er dem Ober-Rassisten Kai erstmal erklären, was „Pegida“ bedeutet. Er stellt sich auch ein wenig in Kais Schatten. Als auf einmal die dunkelhäutige Maleika vor seiner Tür steht und ihm eröffnet, dass er mit ihr ein Kind gezeugt hat, tritt er schon fast panisch vor seinem Kumpel auf, vergisst dabei aber nicht, einen auf dicke Hose zu machen. Eisenach lässt mit seiner Darbietung schon da für einen kurzen Augenblick durchblicken, dass sein Thomas eigentlich nicht die Person ist, für die er sich hält – und für die vor allem Kai ihn hält. Obwohl er noch vor Kai behauptet, dass Lara nicht seine Tochter sein kann, spürt der Rezipient doch ab dem ersten Moment, dass Thomas sein mögliches Wunder kaum fassen kann. Er lässt sich zwar anfangs noch auf die „Abschiebungs“versuche ein, die sein Mitbewohner ihm vorschlägt, doch er lässt trotzdem immer wieder ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein durchscheinen. Es ergeben sich von Zeit zu Zeit mehr Situationen, in denen deutlich zu sehen ist, wie Eisenachs Figur seine politische Einstellung reflektiert. Nicht nur mit dem Blick auf Lara ändert sich seine Meinung. Sie tritt zur richtigen Zeit in das Leben von Thomas, denn insgeheim wünscht auch er sich nur geliebt und akzeptiert zu werden. Dies wird in einem Gespräch zwischen Vater und Tochter deutlich, als sie kurzerhand die Frau, die den Namen Julia trägt und von Anne Wolf gespielt wird, kontaktiert, für die ihr Papa Gefühle hat. Als seine Ex-Flamme völlig unerwartet vor der Tür steht, ist er völlig überfordert und versucht seine Nervosität und Unsicherheit mit Alkohol zu bekämpfen. Doch genau die Rolle der Julia ist für das Try out eine extrem wichtige Substanz, um Thomas gänzlich von seiner rassistischen Meinung abzubringen. Denn Wolfs Figur ist frei von jeglichen Vorurteilen gegenüber Ausländern. Die Fassade bröckelt und Eisenachs Thomas lässt sein wahres Ich zum Vorschein kommen. Er steht zu seiner Tochter und unternimmt etwas gegen die Rassisten, die sich in seiner Umgebung befinden und die Lara aufgrund ihrer Hautfarbe nicht respektieren wollen. Besonders im Kopf des Zuschauers bleibt dort die Szene mit Laras Deutschlehrer Herr Beerenkamp, der von Stefan Werner Dick verkörpert wird, hängen. Nur von Kai kann er sich nicht gänzlich lösen. Obwohl die Freundschaft angeknackst ist, ist zu spüren, dass die beiden sich gegenseitig viel bedeuten und dass sie, obwohl sie mittlerweile unterschiedliche politische Ansichten verfolgen, immer eine Bindung zueinander haben werden. Deswegen lässt Thomas Kai am Ende nicht alleine sitzen, als er sich entscheidet, mit Lara auszuziehen. Er unterstützt seinen Kumpel auch noch bei der Suche eines neuen Mitbewohners.

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Damit Lara (Samara Broß, rechts) besser einschlafen kann, liest Kai (Jonte Volkmann) ihr das erste Kapitel aus „Mein Kampf“ vor. Foto: Ray Behringer

Und wieder stellt sich der ein oder andere Zuschauer die Frage: Darf man das? Darf man den Nazi-Kai cool finden? Die Antwort ist eindeutig mit einem Ja zu beantworten. Denn Jonte Volkmanns Kai ist nicht der Vollblut-Nazi, der er gerne sein würde. Ganz im Gegenteil: Volkmanns Kai hat zwar das Einmaleins eines Nationalsozialisten auswendig gelernt, kann es aber nicht praktisch anwenden. Selbst als er völlig geschockt von der Nachricht ist, dass Thomas sich mit einer Dunkelhäutigen fortgepflanzt hat, fehlt ihm der Mut, seinen Kumpel und dessen vermeintliches Kind vor die Tür zu setzen. Und auch wenn Kai es nicht zugeben würde, erheitert ihn der unerwünschte Gast in einigen Momenten. Das erkennt auch der Zuschauer. Deswegen kommt Volkmanns Kai auch eher dümmlich daher. Er möchte sich einer Gruppe zugehörig fühlen und denkt, dass er unter seinen Nazi-Freunden gut aufgehoben ist. Doch die Freundschaft mit Thomas ist ihm heiliger als alles andere, obwohl er es nie offen aussprechen würde. Als Lara auftaucht, ist das eigentliche Problem nicht ihre Hautfarbe, sondern Kai hat einfach Angst, dass Thomas sich nur noch für das Kind und nicht mehr für ihn interessieren würde. Ihn packt die Verzweiflung. Trost spendet ihm der Alkohol. Und plötzlich taucht eine neue Frage in den Köpfen des Publikums auf: Darf man Kai bemitleiden? Ja, darf man. Denn auch er hat Gefühle und steckt voller Emotionen, will diese aber nicht offen zur Schau stellen. Das ist nämlich auch Volkmanns Stärke. Er gibt sich zwar in seiner Rolle arrogant und recht aggressiv, doch genau genommen hat er über einen längeren Zeitraum in seinem Inneren eine Mauer hochgezogen, die seine Schwächen verstecken soll. Diese Mauer scheint immer weiter einzustürzen, als Thomas ihm eröffnet, dass sich seine politischen Ansichten geändert haben. Dadurch werden ihm langsam die Augen geöffnet. Ein Happy End gibt es für Volkmanns Kai auf der Bühne zwar nicht, jedoch gehen die Zuschauer davon aus, dass auch er seine politische Einstellung irgendwann überdenken wird.

Für das Nordharzer Städtebundtheater ist das Try out von „Familie Braun“ eine Bereicherung und kommt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn auch die Gegend hat immer wieder mit nationalsozialistischen Schlagzeilen zu kämpfen. Umso mehr kann das Theater mit dieser Produktion eine ganz wichtige Message heraustragen, bevor die Wahlen anstehen: Gebt Nazis keine Chance! Vor allem Jonte Volkmann weist am Ende der Vorstellung nochmal auf die „FCK NZS“-Sticker hin und wie wichtig es ist, gegen rechte Gruppierungen vorzugehen. Denn obwohl der 28-Jährige in die Rolle eines Rechtsradikalen schlüpft, positioniert er sich außerhalb der Bühne ganz klar gegen rechte Bewegungen. Dabei sucht er privat auch immer wieder das Gespräch mit Leuten, denen er zufällig begegnet, die eine andere politische Einstellung als er haben. Ihm liegt etwas daran, diesen Menschen einen Denkanstoß zu geben. Dazu gehört viel Mut.

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Laras Deutschlehrer Herr Beerenkamp (Stefan Werner Dick, Mitte) möchte Thomas (Eric Eisenach, links) vermitteln, dass seine Tochter in seiner Klasse nicht erwünscht ist. Foto: Ray Behringer

Jeder gefahrene Kilometer und jeder ausgegebene Cent ist es wert, Wirnitzers Inszenierung von „Familie Braun“ am Harztheater zu sehen. Die Schauspieler stecken viel Leidenschaft in ihre Rollen und haben sichtlich Spaß an ihrer Arbeit. Neben den typischen Klischees überrascht das Ensemble zusätzlich mit kreativen Ideen, um der Problematik für rund zwei Stunden ein wenig die Schwere zu nehmen. Dabei darf auch der Gebrauch von derben Schimpf- und Sprichwörtern nicht fehlen. Die immer wiederkehrende Frage „Darf man das?“ kann in allen Fällen mit einem Ja beantwortet werden. Denn je mehr gelacht wird, desto mehr nimmt man den rechten Gruppierungen die vermeintliche Macht.

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