Bizarres Ableben des Menschen: „Warten auf Godot“ am Schauspielhaus Magdeburg

Wer sich dafür entscheidet, Samuel Becketts „Warten auf Godot“ auf die Bühne zu bringen, der riskiert viel. Es kann entweder ein riesiger Erfolg werden oder gar völlig nach hinten losgehen. Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov hat sich der Aufgabe angenommen, dieses absurde Theaterstück am Schauspielhaus Magdeburg zu inszenieren. Doch hat er sich mit dieser Inszenierung zu viel zugemutet?

Zwei Männer, Estragon (Daniel Klausner) und Wladimir (Zlatko Maltar), warten auf einer Landstraße auf einen Mann namens Godot, der ewig auf sich warten lässt und letztendlich nicht zu kommen scheint.

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Pozzo (Burkhard Wolf, links) erteilt Lucky (Björn Jacobsen, Mitte) die Erlaubnis, mit Estragon (Daniel Klausner) zu sprechen. Foto: Andreas Lander

Kürzer könnte man eine Inhaltsangabe kaum verfassen. Denn was in diesem Stück passiert, kann man schwer mit Worten beschreiben. Vor allem Menschen, die vorher wenig in Berührung mit dem Theater kamen, werden Schwierigkeiten haben, das Gesehene zu deuten. So auch die Inszenierung von Stas Zhyrkov. Er zeigt die Thematik von „Warten auf Godot“ auf eine extrem spezielle und düstere Art und Weise. Allein das Bühnenbild von Sophie Lenglachner lässt beim Zuschauer kalten Schweiß über den Rücken laufen. Berge von blutgetränkten Totenköpfen türmen sich im Studio des Schauspielhauses. Die Hauptprotagonisten sind im tiefsten Schwarz gekleidet. Man merkt ihnen an, dass sie nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Das tägliche Warten zieht sich in die Länge – so auch bei den Zuschauern. Auch die Gefühlslage der Akteure überträgt sich in Zhyrkovs Produktion auf den Rezipienten. Was tun mit so viel Zeit, die nie vergeht? Diese Frage sollte nicht negativ konnotiert sein. Zhyrkov begegnet dem schwierigen Beckett-Stoff mit viel Raffinesse und Liebe für das Außergewöhnliche. Die Figuren sind in ihrer Einsamkeit und in dem ewigen Warten gefangen. Aus dieser Situation können sie sich nicht befreien. Selbst ihre Selbstmordversuche gehen immer wieder nach hinten los. Es werden Möglichkeiten des menschlichen Ablebens gezeigt, welche kaum bizarrer sein könnten. Zhyrkov riskiert mit dieser Inszenierung viel. Man kann aber von Glück sprechen, dass er es getan hat. Seine Produktion ist jung und extrem modern. Er setzt Soundeffekte, das Licht und die Ausrichtung der Zuschauerränge als unterstützende Wirkung ein, sodass jeder Anwesende sich in die Produktion integriert fühlt. Während der Vorstellung passiert etwas mit den Rezipienten. Ein fortlaufender Denkprozess wird angestoßen. Abschalten ist hier unmöglich. Es könnte sich jederzeit etwas Neues ergeben. Im nächsten Augenblick können die Interpretationsansätze wieder völlig im Gegensatz zu dem stehen, was zuvor im Kopf rumschwirrte. So hält Zhyrkov die Spannung an.

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Estragon (Daniel Klausner, links) und Wladimir (Zlatko Maltar) warten gemeinsam auf Godot.; Foto: Andreas Lander

Daniel Klausner zeigt in der Rolle des Estragon, dass er nicht nur den sympathischen Spaßvogel, sondern auch tiefgründige Charaktere verkörpern kann. Als Estragon zeigt er nicht nur seine komische und vergessliche Seite. In seinen Augen steht die schonungslose Ängstlichkeit geschrieben, sein ganzes Leben in dieser einen Situation gefangen zu sein. Sein Freund Wladimir, der sich mit dem gleichen Schicksal abfinden muss, wird von Zlatko Maltar gespielt. Er gibt den lässigeren Part, wirkt cool und gefasst. Im Gegensatz zu Klausners Figur ist ihm seine Zukunft bewusst. Obwohl er weiß, dass Godot wahrscheinlich niemals kommen wird, hält er sich an die Abmachung und erinnert Estragon immer wieder daran, sich an diese zu halten. Beide Schauspieler zeichnet aus, dass sie ihren Emotionen freien Lauf lassen; mal komplett neben ihrer Spur stehen, um im nächsten Moment wieder nicht zu wissen, wie es zukünftig weitergehen soll. Der Zuschauer bekommt die volle Bandbreite an Höhe- und Tiefpunkten der Gefühlswelt der beiden Landstreicher zu spüren.

Aber auch die zwei Nebenfiguren, Pozzo und Lucky, die von Burkhard Wolf und Björn Jacobsen verkörpert werden, sorgen mit ihren Auftritten für skurrile Momente. Vor allem Burkhard Wolf lässt als Pozzo das Publikum schaudern. Sobald er das Studio betritt, sind alle Augen auf ihn gerichtet – und er fixiert wiederum das Publikum. Mit seiner eindringlichen Mimik und seinen stetigen Wechseln zwischen cholerischen und sanguinischen Phasen hinterlässt er bei den Zuschauern bleibenden Eindruck. Der Name Lucky könnte kaum widersprüchlicher sein.  Denn wenn Björn Jacobsen als Lucky eines nicht ist, dann glücklich. In seinem Gesicht zeichnet sich eine tiefe Traurigkeit ab, wenn er von Pozzo erniedrigt wird. Vor allem glänzt Jacobsen mit seinem wirren, dafür großartig performten Monolog, der ebenfalls nie zu enden droht. Während Klausner und Maltar in ihren Rollen stetig gleich bleiben, wendet sich das Blatt bei Wolf und Jacobsen. Einer ist blind, der Andere verstummt. Ein starkes Kontrastprogramm, welches aber gerade in dieser Phase des Stückes für Gänsehautmomente sorgen dürfte.

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Das Warten zieht sich in die Länge.; Foto: Andreas Lander

Doch was soll so besonders an dieser Inszenierung sein? Zhyrkov gibt dem Rezipienten viel Raum für Spekulationen und eigene Interpretationen der Handlung. Die Emotionen, welche die Akteure transportieren, dringen tief in die Köpfe der Anwesenden auf den Rängen ein. Denn nichts wird dem Zufall überlassen, obwohl es danach aussieht. Die Produktion von Stas Zhyrkov ist nicht einfach nur eine Form des absurden Theaters, sondern ein skurriles Meisterwerk. Man kann hier schon von Kunst reden, die dem Magdeburger Publikum auf dem Boden des Schauspielhauses geboten wird. Leute, die häufiger ein Theater besuchen, werden nach der Vorstellung möglicherweise ein bisschen Zeit verstreichen lassen müssen, um sich ein richtiges Urteil über das Gesehene bilden zu können. Es ist etwas Wahres dran, wenn man sagt, dass man diese Produktion lieben oder hassen muss. Etwas dazwischen gibt es nicht. Doch wenn man sich die Zeit nimmt, sollte die Genialität dieser Inszenierung in den meisten Fällen erkannt werden.

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