Vom Dorf zur Metropole: „Düsterbusch City Lights“ am Schauspielhaus Magdeburg

Man soll bekanntlich immer aufhören, wenn es am Schönsten ist. Diesem Motto folgt auch Cornelia Crombholz, Schauspieldirektorin am Theater Magdeburg. Mit „Düsterbusch City Lights“ von Alexander Kühne verabschiedet sie sich vom Magdeburger Publikum und übergibt das Zepter an ihren Nachfolger Tim Kramer. Kann sie sich mit dieser Inszenierung unsterblich am Schauspielhaus machen?

Viele DDR-Bürger träumen vom Leben in einer Großstadt im Westen. Nicht so der junge Anton Kummer (Daniel Klausner). Sein Zuhause ist das Dörfchen Düsterbusch, welches in der Mitte zwischen Dresden und Berlin liegt. Doch er passt nicht in die Welt des grauen Alltags in der Provinz, da er voller Energie und Ideen steckt. Als er seine Liebe zur Musik entdeckt und David Bowie sein großes Vorbild wird, hat er eine Vision: Er hat sich in den Kopf gesetzt, das dekadente Großstadtleben nach Düsterbusch zu holen. Zusammen mit seinen Freunden gründet er den als FDJ-Jugendklub getarnten Popper-Szene-Laden „Helden des Fortschritts“. Kann er sein Heimatdorf zu einer gefeierten Metropole machen?

07_Duesterbusch_Marian Kindermann, Daniel Klausner, Ralph Opferkuch, Léa Wegmann, Matthias RheinheimerKP_01367-255_(c)_Nilz Böhme

Alexander Kühne bereitet in seinem Roman „Düsterbusch City Lights“ viele eigene Erlebnisse aus DDR-Zeiten auf. Dabei tritt die Figur Anton Kummer als sein Alter Ego auf. Während Kühne wie Anton auch eine ganz normale Lehre absolvierte, organisierte er ebenfalls mit seinen engsten Freunden Konzerte mit Bands der DDR-Punk- und New-Wave-Szene in seinem Heimatdorf. Nur Anton legt nochmal eine Schippe drauf und träumt davon, die ganz großen Namen nach Düsterbusch zu holen. Eine Themenkomposition, die für Cornelia Crombholz nicht idealer für eine Umsetzung sein könnte. Denn in Kühnes Roman geht es nicht nur um die DDR, sondern auch um eine Menge Musik. Mit diesen zwei Aspekten hat Crombholz sich einen Namen am Theater Magdeburg gemacht. Möglicherweise sollte es Schicksal sein, dass ausgerechnet dieser Roman, der von ihr und David Schliesing für die Bühne bearbeitet wurde, ihr krönendes Abschluss-Projekt wird. Mit dieser Inszenierung lässt sie die Zuschauer gänzlich vergessen, dass sie sich in einem Theater befinden. Die Bühne, die von Christiane Hercher erschaffen wurde, wird zu einem multifunktionalen Dorf, was bis in den Backstage-Bereich hineinragt. Mithilfe von einzelnen Baukästen werden immer wieder neue Kulissen erschaffen. Vom Kinderzimmer bis zur Dorfkneipe wird hier mit viel Liebe zum Detail eine Welt aus den Achtziger Jahren kreiert, die Angehörige der Generation an manchen Stellen nostalgisch werden lässt. Genauso verhält es sich auch bei den Kostümen von Josefine Krebs. Sie fährt das volle Programm auf. Von den verschiedenen Alltags-Looks und Uniformen aus DDR-Zeiten bis hin zu extravaganten Kleidungsstücken und auffallenden Kopfbedeckungen ist alles dabei, um die auftretenden Protagonisten  so authentisch wie möglich erscheinen zu lassen und einige Kunstfiguren in Düsterbusch zu erschaffen.

Obwohl Crombholz und Schliesing sich für eine verkürzte Version entschieden haben (das Buch umfasst 380 Seiten und die Aufführungsdauer liegt bei etwa drei Stunden und 15 Minuten), ist der Inhalt noch immer sehr komplex und voller verstrickter Handlungsstränge. Um eine intensivere Nähe zu den einzelnen Figuren aufbauen zu können und die verschiedenen Ortschaften besser miteinander verknüpfen zu können, wurde Regieassistent Pierre Balazs auch für diese Inszenierung wieder mit einer Live-Kamera ausgestattet. Durch seinen Einsatz ist es möglich, noch tiefer in die Gefühlslage der einzelnen Akteure einzudringen und ganz nah am Geschehen in den unterschiedlichen Kulissen mit dabei zu sein. Jeder mögliche Rückzugsort wird auf eine bewegliche Leinwand projiziert. Es gibt keine Intimität. Balazs fängt die richtigen Momente ein und wird zu einem wichtigen Werkzeug dieser Produktion.

Wenn eine Inszenierung von Cornelia Crombholz im Programm steht, dann weiß jeder Kenner der Magdeburger Theaterszene, dass es sehr musikalisch werden wird. So auch in „Düsterbusch City Lights“. So gehören David Schwarz und Maren Kessler ebenfalls zur Standardbesetzung der musikalischen Leitung. Sie erarbeiteten den New-Wave-Sound für die Bühne und zeigen wieder einmal, dass auch Schauspieler, die keine gesangliche Ausbildung haben, sich nicht verstecken müssen. Und genau das hat sich auch wieder für dieses Stück bewahrheitet. Denn das hochmusikalische Ensemble bringt eine unglaublich selbstsichere Präsenz auf die Bühne und die Akteure haben sichtlich Spaß an ihren Performances. Da ist es auch egal, ob der ein oder andere Ton einmal nicht getroffen wird. Die ganze Komposition funktioniert und regt die Zuschauer zum Mitsingen an. Und obwohl es sich nicht gehört, während einer Theatervorstellung aufzustehen und zu tanzen, ist es kaum auszuschließen, dass die Beine still gehalten werden.

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Anton Kummer (Daniel Klausner) wird in seinem Freundeskreis als der Bowie von Düsterbusch bezeichnet.                       Foto: Nilz Böhme

Als Daniel Klausner einst in einem Interview erzählte, dass er gerne einmal David Bowie verkörpern wollen würde, ahnte er nicht, dass dieser Traum bereits ein wenig Gestalt annahm. Obwohl es sich in Kühnes Roman nicht direkt um die Figur des britischen Musikers handelt, wurde Klausner für die Hauptrolle besetzt, dessen großes Vorbild Bowie ist. Dabei entwickelten Crombholz und Schliesing die Figur von Anton Kummer weiter und ließen ihn mithilfe der zu performenden Songs und ausgewählter Kostüme zu seiner Traumrolle werden. Wenn man Klausner bei dieser Entwicklung zuschaut, ist es schon fast erschreckend, wie viel von Bowie in ihm und somit auch in Kummer steckt. Dabei wirkt er nicht mal wie eine billige Kopie, sondern seine eigene Interpretation lässt ihn zu einer wahren Erscheinung werden. Er gibt alles für diese Rolle und zeigt sich sehr facettenreich. Sein Anton ist nicht auf den Mund gefallen und riskiert auch für seine ehrliche Art die ein oder andere Auseinandersetzung. Er macht sich nichts daraus, dass er anders als alle anderen Düsterbuscher ist und nach einem bunteren und lebendigeren Leben in seinem Dorf träumt und sich als Verantwortlicher für die Umsetzung dessen sieht. Außerdem steckt in ihm viel Liebe für einige Menschen, mit denen er die gleichen Ansichten teilt und auch für die Dinge, die er anpackt. Er ist strebsam. Trotzdem schafft er es auch gleichzeitig, dass man ihn für einige Entscheidungen eine Backpfeife verpassen möchte. Gerade in Situationen, wo er seine Vision von einem weltweit bekannten Dorf vor die eigene Familie stellt, hinterlassen einen bitteren Beigeschmack beim Rezipienten. Während sein Anton Kummer voller Energie steckt und große Pläne schmiedet, hat er mit Sprenzel, der von Matthias Rheinheimer verkörpert wird, einen Ruhepol als besten Freund an seiner Seite. Rheinheimers Sprenzel ist eine treue Seele. Obwohl Anton ihn für eine Weile durch Henryk ersetzt, ändert sich die Meinung zu ihm nicht. Es ist für den Zuschauer schon fast herzzerreißend, wenn Sprenzel immer wieder durch die Fenster schaut und sieht, dass Anton mehr Spaß mit einem anderen Kumpel hat. Glücklicherweise finden beide wieder zueinander und gehen gemeinsam durch dick und dünn. Das Zusammenspiel der beiden Akteure harmoniert einfach perfekt. Rheinheimer überzeugt mit seiner Einfachheit und zurückhaltenden, etwas idiotischen Art der Figur, ohne dabei unterzugehen oder unsichtbar zu wirken. Es macht dem Rezipienten Spaß ihn dabei zu beobachten, wie er sich in brodelnden Situationen  ans Herz fasst und den Mut hat, sich durchzusetzen, da solche Reaktionen von so einem Typ Mensch meistens nicht erwartet werden. Neben Rheinheimer als Sprenzel gibt es noch eine weitere Figur, die eine wichtige Rolle in Anton Kummers Leben spielt. Sobald Carmen Steinert als Conny die Bühne betritt, spürt man, wie zwischen Klausners Anton und ihr die Funken sprühen. Sie ziehen sich magisch an. Steinert setzt sich hier als selbstbewusste Frau gekonnt in Szene. Sie hat ihren eigenen Kopf und setzt ihre Entscheidungen auch zum Missfallen ihrer Liebsten um und durch. Auch Ralph Opferkuch darf in solch einer musikalischen Produktion nicht fehlen. Als Henryk gibt er sich wie gewohnt cool und lässig. Sein Auftauchen in der Geschichte bringt bei Anton erst so richtig den Stein ins Rollen, seine Idee umzusetzen. Denn Henryk bringt ein umfassendes Wissen über die angesagte Musik mit.

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Bei der FDJ funkt es zwischen Conny (Carmen Steinert, Leinwand, links) und Anton (Daniel Klausner, Leinwand, rechts). Foto: Nilz Böhme

Die weiteren Akteure treten in verschiedenen Rollen auf. Besonders stechen dabei noch zwei weitere Schauspieler heraus. Iris Albrecht, die unter anderem in die Rolle von Tante Klara schlüpft, unterhält wieder einmal mit ihrem trockenen Humor das Publikum. Aber sobald sie die Figur der Mutter Kummer übernimmt, spürt der Rezipient ihr Mitgefühl, welches sie für ihren Sohn empfindet. Sie sorgt sich um ihn und unterstützt ihn in allen Angelegenheiten, auch wenn sie manchmal kein gutes Gefühl dabei hat. Sie wünscht sich für ihn ein besseres Leben, da ihr das richtige Glück in jungen Jahren verwehrt wurde. Wer schon einige Stücke mit Iris Albrecht am Theater Magdeburg gesehen hat, wird hier möglicherweise auch auf einen ganz besonderen Insider entdecken. Aber auch Oliver Niemeier sticht in zwei Rollen besonders hervor. Als Streusel unterhält er noch mit seinen doofen Sprüchen und Ideen mit sächsischem Dialekt das Publikum. Seine Coolness übertrifft er fast selbst, sobald er als Baade, der meistens nur mit einer Unterhose und Sonnenbrille bekleidet ist, auf die Bühne tritt. Spaß ist mit ihm immer garantiert.

Mit „Düsterbusch City Lights“ von Alexander Kühne hinterlässt Cornelia Crombholz einen Meilenstein in der Geschichte des Theaters Magdeburg. Mit dieser Produktion hat sie sie sich zusammen mit David Schliesing nochmal selbst übertroffen. Dazu hat sie Daniel Klausner mit ihrem Vertrauen in sein schauspielerisches Talent einen bedeutenden Eintrag in seiner Vita verschafft, der ihm zukünftig noch viele Türen öffnen wird. Denn in ihm hat sie einen Schauspieler gefunden, der mit Bravour über seinen eigenen Schatten springt und mit seiner Darbietung von Anton Kummer als eine Art Reinkarnation von David Bowie einen bleibenden Eindruck beim Magdeburger Publikum hinterlässt. Auch die Auswahl der Kostüme, die typischer für diese Zeit nicht sein könnten, sowie die der musikalischen Stücke lässt nicht nur die Zuschauer, welche die DDR-Zeit miterlebt haben, in Erinnerung schwelgen. Auch die Generation danach wird sich ganz bestimmt mit dem New-Wave-Sound identifizieren können und sich von der Spielfreude des gesamten Ensembles anstecken lassen. Gänsehautmomente sind vorprogrammiert. Selbst der Autor, der am Abend der Premiere mit im Publikum saß, war sichtlich von der Uraufführung angetan. Auch bei der Besetzung muss bei Crombholz wohl der siebte Sinn mitgespielt haben, denn Kühne sah in einigen Schauspielern große Ähnlichkeiten zu seinen realen Freunden, die in seiner Autobiografie vorkommen. Ein besseres Abschlussstück und Kompliment für Crombholz hätte es nicht geben können.

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