„Ich will Blut!“ – Standing Ovations bei der Premiere von „Der kleine Horrorladen“

Wieso sollten nur Produktionen mit einem großen Budget Erfolge feiern können? „Kleiner Laden voller Schrecken“ aus dem Jahr 1960 ist ein einfach produziertes B-Movie und gehört zu den erfolgreichsten Billigproduktionen Hollywoods. Inspiration genug für den Komponisten Alan Menken. Zusammen mit dem Texter Howard Ashman kreierte er das Musical „Der kleine Horrorladen“, welches am 06. Mai 1982 seine Uraufführung im WPA Theatre in New York feierte. Und auch wie der Streifen aus dem Jahre 1960 wurde aus dem Musical eines der angesagtesten Off-Broadway-Musicals überhaupt. Für die Spielzeit 2017/2018 inszeniert der Regisseur Ulrich Wiggers das Stück für die Bühne im Magdeburger Opernhaus.

Schauplatz: ein Blumenladen in einem weniger schönem Teil von New York. Das botanische Geschäft von Mr. Mushnik (Markus Liske)  läuft nicht so gut. Deswegen will er den Laden schließen. Doch es kommt alles anders, als sein Angestellter Seymour Krelbourn (Jan Rekeszus) eine sonderbare Pflanze ins Fenster stellt, die er unter mysteriösen Umständen einem chinesischen Händler abgeknüpft hat. Seymour tauft die Pflanze auf den Namen Audrey Zwo, als Anlehnung an seine Kollegin Audrey (Milica Jovanovic), in die er heimlich verliebt ist. Auch sie mag Seymour, doch sie ist mit dem Zahnarzt Dr. Orin Scrivello (Karsten Kenzel) liiert, der sie schlägt. Sie traut sich nicht sich von ihm zu trennen. Audrey Zwo wächst und wächst. Auf einmal wollen alle die Pflanze sehen. Seymour wird zum gefeierten Star und der Blumenladen wird die erste Anlaufstelle in New York. Was niemand weiß: Seymour füttert Audrey Zwo mit menschlichem Blut. Nur so wird sie immer größer und prächtiger und Seymour dadurch immer erfolgreicher. Doch als eines Tages der Zahnarzt plötzlich verschwindet, schöpft Mr. Mushnik einen bösen Verdacht.

Das Stück ist schon ein ziemliches Brett. Es gehört nicht umsonst zu den beliebtesten Musicals aller Zeiten. Man gut, dass also Magdeburg schon in ganz Deutschland einen sehr guten Ruf in Sachen Musical-Inszenierungen hat. Nicht umsonst nehmen viele Kulturbegeisterte eine Fahrt in die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt auf sich. Doch wer sich für einen Besuch für „Der kleine Horrorladen“ im Opernhaus entscheidet, der sollte sich beim Betreten des Saals darauf einstellen, dass er Deutschland verlässt. Er macht sich auf die Reise in eine weit entfernte Galaxis. Naja, vielleicht war das jetzt etwas übertrieben. Aber schon in den ersten fünf Minuten wird jedem klar, dass es sich nicht um eine 08/15-Inszenierung handelt. Hallo Broadway! Und nein, diese Bezeichnung ist nicht übertrieben. (Es müsste nur ein paar mehr Sitzplätze geben, ja.) Alleine das Bühnenbild ist so gigantisch und mit vielen liebevollen Details ausgestattet, dass man nicht weiß, wo genau man hinsehen soll. Der Laden von Mr. Mushnik ist kein kleines Blumengeschäft an der Straßenecke, sondern eher ein gigantisches Gewächshaus. Vielleicht ist es gerade das, was das von Leif-Erik Heine gestaltete Bühnenbild so besonders macht, dass er wirklich an jede noch so winzige Kleinigkeit denkt. Was auch immer der Zuschauer entdeckt; es wird unvergessen bleiben. Ebenfalls von Heine: die Kostüme. Jede einzelne Figur sticht heraus und hat seinen individuellen Stil mit einem großen Wiedererkennungswert. Für Kenner des Musicals wird das möglicherweise eine neue Erfahrung sein, da sich Ausstattung und Figuren in den meisten Inszenierungen ziemlich ähneln. Punkt Nr. 1, warum Wiggers „Der kleine Horrorladen“ für einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

 

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Audrey (Milica Jovanovic) und Seymour (Jan Rekeszus) kommen sich bei der Arbeit immer näher.; Foto: Andreas Lander

Punkt Nr. 2: die Figurenzeichnung und die dazugehörigen Darsteller. Gibt es irgendein Stück, wo man nach der Aufführung noch jede einzelne Rolle im Kopf hat, ohne lange darüber nachdenken zu müssen? Nicht wirklich, oder? Man braucht schon eine gewisse Zeit, um wirklich alle Figuren eines großes Werkes aufzählen zu können. Doch das wird sich nach dem Besuch dieser Inszenierung ändern. Dieser Cast brennt sich in die Köpfe ein – genau wie jede einzelne Rolle. Dabei ist es egal, ob einige Schauspieler mehrere Figuren verkörperten oder nicht. Es ist kein Geheimnis mehr, dass Jan Rekeszus ein aufstrebender Schauspieler in Deutschland ist. Auch das Theater Magdeburg freut sich jedes Mal, wenn der Wiesbadener für eine Produktion im eigenen Hause engagiert wird. Umso erfreulicher ist es, dass er die Rolle des Seymour ergattern konnte. Die Entwicklung vom zurückhaltenden Angestellten mit einem grauenvollen Modegeschmack als junger Erwachsener zum erfolgshungrigen Medienstar bis hin zum eiskalten Mörder ist für den Zuschauer erstaunlich gut nachzuvollziehen. Dann wäre da beispielsweise auch noch Milica Jovanovic als Audrey. Diese Figur wird meistens als kleines Dummchen gezeichnet. In Wiggers Inzenierung ist das alles ein bisschen anders. Sie zeigt die Schwäche, die viele Frauen haben: Bad Boys. Auch so kommt von ihnen nicht los. Wenn sie aber an Seymours Seite ist, ist sie wie ausgewechselt. Sie steckt viel Liebe in ihre Arbeit und würde auch für die Menschen, die sie liebt, die Beine ins Feuer legen. Jovanovic berührt definitiv die Herzen der Frauen da draußen, die ähnliche Erfahrungen wie sie sammeln mussten. Ein weiteres Highlight ist Karsten Kenzel als sadistischer Zahnarzt Dr. Orin Scrivello. Was für ein Auftreten; was für ein Mann! Man liebt ihn und man hasst ihn. Ein Macho halt. Obwohl er nicht mehr ganz dicht in der Birne ist, überzeugt er mit ganz viel Witz. Wahrscheinlich ist das Lachgas, welches er als Droge für sich entdeckt hat, nicht ganz unschuldig daran. Er bringt eine unglaublich starke Präsenz mit auf die Bühne. Doch wem das Ensemble des Magdeburger Theaters bekannt ist, der wartet immer auf eine ganz bestimmte Person auf der Bühne. Peter Wittig ist der heimliche Star der ganzen Produktionen; auch in diesem Musical. Warum? Weil Peter Wittig einfach alles verkörpern kann. In „Der kleine Horrorladen“ hat er vier Gastauftritte – und sie könnten verschiedener nicht sein. Besonders gefeiert wird er für seine Frauen-Rollen. Auch in diesem Stück darf er das Publikum als Dame wieder zum Lachen bringen. Bei der Premiere am 11. November wurde jeder einzelne Auftritt von ihm mit lautem Beifall zelebriert.

Doch neben der einzigartigen Kulisse und der fast schon zu perfekten Besetzung darf man nicht die Musik vergessen. Von lockerem Motown-Sound über diverse Soul-Klänge bis hin zu eingängigen Balladen – jeder einzelne Song geht ins Ohr und einige Zeilen bleiben dem Zuschauer im Gedächtnis. Ohrwurm-Gefahr garantiert. Damian Omansen stellte extra eine Band für das Blumen-Musical zusammen. Besonders auffallend und eindringlich sind vor allem die Musikstücke der drei Soulgirls, die auf der einen Seite als Teil der Handlung funktionieren und auf der anderen Seite diese kommentieren.

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Seymour (Jan Rekeszus) vs. Audrey Zwo; Foto: Andreas Lander

Was macht aber gerade diese Inszenierung von Ulrich Wiggers so besonders? Wer schon bei der Einleitung genau hinhört, der wird sofort an den „Star Wars“-Opener denken. Und wer genau das erkannt hat und auch noch Fan der Saga ist, dem wird dieses Musical nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen. Nicht nur Seymour outet sich mit seinem T-Shirt als Fan. Es sind noch viele weitere Anspielungen in dem Stück zu finden. Diese wurden nicht einfach billig eingebaut. Es funktioniert einfach. Allein Audrey Zwo schaut nicht aus, als wäre sie von dieser Welt. Wieso sollte man sich also nicht mit ein paar Easter Eggs und Anlehnungen an bekannten Meisterwerken bedienen? Solange es nicht lächerlich und aufdringlich wirkt, kann es funktionieren – und im diesen Fall hätte es man nicht besser treffen können. Nicht umsonst gab es bei der Premiere Standing Ovations und minutenlangen Applaus.

Fazit: Magdeburg goes Broadway. Mit diesem Blumen-Musical haben sich alle Beteiligten selbst übertroffen. Das Ensemble und das ganze Bild ist schon fast zu perfekt, sodass man als Musical-Liebhaber die Messlatte für weitere Stücke jetzt viel zu hoch setzen könnte. Aber fakt ist auch, dass „Der kleine Horrorladen“ im Gedächtnis bleiben wird. Auch für diese Aufführung werden mit Sicherheit wieder viele Menschen aus ganz Deutschland nach Magdeburg pilgern und sie werden ihren Freunden davon erzählen. Und so wird es immer weitergehen – verdient! Ganz großes Bühnen-Kino für die ganze Familie.

Tickets können unter http://www.theater-magdeburg.de oder an der Theaterkasse erworben werden.

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Nice to know: Jan Rekeszus, der die Rolle des Seymour spielt, verkörperte im Sommer bereits den sadistischen Zahnarzt bei der Inszenierung bei den Burgfestspielen Mayen. „Der kleine Horrorladen“ ist also nicht ganz unbekannt für ihn.

 

 

 

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