Hunger macht erfinderisch: „Döner zweier Herren“ am Nordharzer Städtebundtheater

Die Wetter-App spielte am Abend der Premiere von „Döner zweier Herren“ im Kreuzgang der Halberstädter Liebfrauenkirche verrückt. Zuerst hieß es, dass es trocken bleiben würde. Dann folgte eine Regenwahrscheinlichkeit von 40 Prozent. Wenig später waren es auf einmal 60. Und exakt sieben Minuten vor Vorstellungsbeginn ging es dann wirklich los. Aber nur ganz leicht. Die Hoffnung bei den Gästen, die sich ein Plätzchen im Trockenen suchten, dass es das schon gewesen sein mag, war groß. Mit ein wenig Verzögerung begann dann die Vorstellung. Doch der Wettergott war nicht gnädig gestimmt und schickte erneut Regen. Dieser kam nochmal stärker zurück. Nach einer halben Stunde hieß es dann, dass es eine kleine Unterbrechung geben würde. Die Premiere drohte buchstäblich ins Wasser zu fallen. Wenig später ging es dann aber getreu dem Motto „The show must go on“ weiter. Konnte das Ensemble trotz des Regenwetters das Publikum überzeugen und ihnen einen unterhaltsamen Abend bescheren?

1973 macht sich Kemal Eckeneckezi (Eric Eisenach) auf nach Baden-Württemberg, um dort einen neuen Herren und die große Liebe zu finden. Er wird auch schnell fündig und wird sogar Angestellter von zwei Geldgebern. Sein ständiger Begleiter ist dabei der Hunger. Diesen kann er nicht stillen, weil seine beiden Herren ihn auf Trapp halten. Trotz seiner Vergesslich- und Schusseligkeit, die er an den Tag legt, wird er unbewusst zum Fädenspinner zweier Familiengeschichten…

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„Pizza, Pasta, Gnocchi“: Federico Rasponi (Anne Wolf, links) ist Kemal Eckeneckezis (Eric Eisenach) erster Brötchengeber. Foto: Ray Behringer

„Der Diener zweier Herren“ ist das bekannteste Bühnenstück des italienischen Dramatikers Carlo Goldoni, welches 1746 uraufgeführt wurde. Es gilt als Höhepunkt der Commedia dell’arte. 300 Jahre später bearbeitete der Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel den Klassiker und machte ihn zu einem Migrationsstück und nannte es „Döner zweier Herren (Hunger integriert)“. Auch das Nordharzer Städtebundtheater interessierte sich dafür, diese Neufassung auf die Bühne zu bringen. Mit Arnim Beutel fand das Theater jemanden, der die Regie und die Ausstattung übernahm. Das sollte sich am Premierenabend als eine sehr gute Entscheidung herausstellen. Denn Beutel zeigt eine Inszenierung, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch lange in den Köpfen der Zuschauer verharren wird. Während andere Theaterschaffende ihre Stücke möglichst modern und dem aktuellen Zeitgeist anpassen wollen, lässt Beutel wie von Düffel seine Produktion auch Anfang der Siebziger stattfinden. Allein dieser Aspekt lässt schon beim Betrachten des Bühnenbildes ein wenig Nostalgie aufleben. Auch die Einführung in das Stück lässt Zeitzeugen aufhorchen und zum Schmunzeln bringen. Bei der Vorstellung der einzelnen Akteure wird sich ebenfalls Zeit genommen, was dazu beiträgt, dass jeder die verwirrenden Geschichten, die sich im Verlauf der Handlung aufzeigen, sinnvoll nachvollziehen kann. Besonders amüsant sind die vielen Dialekte, welche die Protagonisten anwenden. Dieser bunte Mix ist extrem erfrischend, trägt dazu bei, dass es keine einzige Sekunde langweilig wird und tut den Figuren ziemlich gut. Denn jeder Schauspieler bekommt dadurch einen Wiedererkennungswert, der sich einprägt. Dieser wird noch durch die Kostüme unterstützt. Da wäre beispielsweise die übergroße Multifunktionshose des Hauptprotagonisten, der eine Menge Bauch verloren hat und diese nun als Lager verschiedener Gegenstände und Rückzugsort benutzt. Und trotz all diesen Faktoren schafft es Beutel, seine Inszenierung nicht in eine Zirkusmanege zu verwandeln und zu überdimensionalen Übertreibung zu neigen. Dies gilt auch für den Text. Es geht ihm weniger darum, einen Witz nach dem anderen rauszuhauen, sondern vielmehr um die Situationskomik, die in den Gesprächen der Akteure entsteht. Dabei hat er eine Besetzung gefunden, die all diese Punkte exzellent in die Tat umsetzt.

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„Ich mache Filme, schwedische Filme“: Stock Holm, der sich später als Florian Müller (Jonte Volkmann) outet, macht Kemal (Eric Eisenach) ebenfalls zu seinem Diener. Foto: Ray Behringer

Obwohl das Nordharzer Städtebundtheater nicht zu den bekanntesten Spielstätten Deutschlands gehört, sollte es ruhig die Runde machen, dass sich in dem Ensemble viele Talente befinden, von denen man zukünftig noch eine Menge hören dürfte. Zu diesen zählt beispielsweise Eric Eisenach. Als Kemal Eckeneckezi ist er ständig präsent und gibt sein gesamtes komödiantisches Repertoire zum Besten. Trotz der vielen Fettnäpfchen, in die er tritt, ist er schlitzohrig und raffiniert. Dabei liefert er körperliche Höchstleistungen ab und kommt nur in Momenten zur Ruhe, wo ihn der Hunger packt. Zudem schafft er es, seine Figur so authentisch zu verkörpern, dass er nicht als Clown rüberkommt. Ihm gelingt es mit Leichtigkeit, die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf sich zu lenken, ohne sich dabei in den Mittelpunkt zu spielen und seine Kollegen blass erscheinen zu lassen. Damit zeigt Eisenach, dass er vom Scheitel bis zur Sohle ein Vollblutschauspieler ist. Aber auch Anne Wolf als Beatrice Rasponi, welche sich als ihren toten Zwillingsbruder Federico ausgibt, liefert eine äußerst bravuröse Leistung ab. Sie ahmt in dieser Rolle einen typischen Italiener nach, wie jeder Deutsche ihn interpretieren würde, ohne dabei diesen Stereotypen böse durch den Kakao zu ziehen. Mit ihrer Aktion, sich als den Ex-Verlobten von Rosi auszugeben, beweist sie in vielerlei Hinsicht ein kluges Köpfchen. Wolfs Darstellung erweist sich als sehr geschickt und zeigt damit, dass solche Figuren wie ihre auch gut ankommen, wenn sie nicht zu überspitzt in Erscheinung treten.

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Können nicht die Finger voneinander lassen: Rosi (Swantje Fischer) und Siegfried (Lutz Faupel). Foto: Ray Behringer

Sobald Jonte Volkmann erstmals die Bühne betritt, schießen viele Bilder durch die Köpfe der Rezipienten. Optisch erinnert er an eine Mischung aus John Travolta, Dieter Bohlen und Bert Wollersheim. Als er sich Kemal als den schwedischen Filmproduzenten Stock Holm vorstellt, hat der aufmerksame Zuschauer bereits eine Vorahnung, was für eine Figur Volkmann in diesem Stück verkörpern könnte. Doch wenig später stellt sich heraus, dass er in Wirklichkeit Florian Müller, besser bekannt als „der Stecher“ ist. Diese Bezeichnung verleiht Volkmann gleich eine doppelte Bedeutung. Der Zuschauer kann bei dieser Interpretation seiner Fantasie freien Lauf lassen, obwohl eigentlich klar ist, wofür sein Spitzname wirklich steht. Volkmann verkörpert seine Rolle mit einer hervorragenden Präzision und lässt seinen Charakter nicht als Witzfigur dastehen, obwohl seine Kostümierung ihm mehrere Gründe dafür liefert, es zu tun. Sein Florian Müller ergibt sich als treuer Lebensgefährte, der nichts unversucht lässt, seine Liebe zu finden. Und ganz nebenbei fliegen ihm von einigen weiblichen Zuschauerinnen die Herzen zu, wenn er zeigt, wie er seinen Unterkörper bewegen kann. Eine Rolle in einer möglichen Neuauflage des Tanzfilms „Saturday Night Fever“ sollte ihm damit sicher sein. Und apropos Unterkörper: In der Region spielt sich viel zwischen Swantje Fischers Rosi und Lutz Faupels Siegfried ab. Die beiden Liebenden stehen kurz vor ihrer Hochzeit und können nicht die Finger voneinander lassen. Sie nutzen jede Gelegenheit, um sich nahe zu sein. Als Rosis Vater ihr eröffnet, dass sie Federico Rasponi doch zum Mann nehmen solle und dies mit einem Deal festnagelt, bleibt sie stur und hält an ihrer Liebe zu Siegfried fest. Doch als sie ein Geheimnis erfährt, zeigt Fischers Interpretation, dass ihre Rosi anscheinend leicht zu beeindrucken und auch experimentierfreudig ist. Aber auch ihre Naivität kommt dabei nicht zu kurz. Faupel gibt sich als Siegfried ebenfalls sehr treu und schätzt sich glücklich, so eine hübsche Frau wie Rosi an seiner Seite zu haben. Eine Frau, die für einen Kerl, wie Faupel ihn darstellt, eigentlich abseits jeder Vorstellungskraft liegt. Als er erfährt, dass seine Heirat mit ihr gestrichen wurde, ist ihm jedes Mittel recht, seinen Rivalen auszuschalten. Doch dafür ist Faupels Charakter viel zu schusselig. Ihm gelingt es, die Pointen optimal zu setzen. Als Kellner erinnert er ein wenig an Lumière aus „Die Schöne und das Biest“. Trotz seiner wenigen Einsätze bleibt er mit seinen Auftritten im Gedächtnis der anwesenden Gäste.

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Gundolf (Stefan Werner Dick, links) und Doktor Lombard (Arnold Hofheinz, Mitte) können nicht glauben, dass Federico Rasponi lebt. Foto: Ray Behringer

Stefan Werner Dick als Gastronom Gundolf  kann verschiedene Facetten seiner Figur zeigen. Zum Einen ist er durch die Ölkrise extrem knauserig geworden und sucht nach möglichen Optionen, wie er schnell an Geld kommt. Die schnellste und effektivste Lösung: seine Tochter Rosi soll den reichen Italiener Federico Rasponi zum Mann nehmen. Und das, obwohl sie ihr Herz an einen anderen Mann verloren hat. Er versucht seine Mitmenschen zu manipulieren, damit alles zu seinen Gunsten verläuft. Dabei bleibt Dicks Gundolf trotzdem sympathisch. Aber auch er fürchtet sich vor bestimmten Auswirkungen. Diese Mischung macht Dick zu einem kleinen und trotzdem liebenswürdigen „Bösewicht“, den man gerne auf der Bühne sieht. Genau das Gleiche trifft auch auf Arnold Hofheinz zu, der als Doktor Lombard auftritt. In seiner Köstumierung wirkt er wie der Alm-Öhi aus dem „Heidi“-Roman. Doch auch er hat es faustdick hinter den Ohren und versucht ebenfalls das Beste für sich herauszuschlagen. Ein wenig lässt seine Figur durchkommen, dass er nicht viel mit Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, anfangen kann. Besonders im Gedächtnis bleiben dabei seine lateinischen Sprichworte, mit denen er öfter mal um sich wirft. Zusammen geben Dick und Hofheinz ein eingespieltes Duo in ihren Rollen ab, welche ähnliche Ziele haben. Und dann ist da auch noch Julia Siebenschuh als Gundolfs Angestellte Blondina. Dass ihre Figur eine Türkin darstellen soll, errät man weder durch ihre Optik noch durch ihren Dialekt. Doch im Grunde genommen ist Blondina eine Frau, die sich viele Männer an ihrer Seite wünschen würden. Sie ist nicht auf den Mund gefallen und bietet dem Mann (in diesem Falle ihrem Chef) auch gerne mal Parolie. Dazu ist sie keine Tratschtante (denn sie könnte manch wahre Identität schnurstracks entlarven) und kocht liebend gerne. Zwischen ihr und Kemal knistert es sofort. Obwohl sich Siebenschuhs Figur als schüchtern bezeichnet, ist sie auch in privaten Momenten selbstbewusst und gibt durch ihre Aussagen ihrem Herzbuben zu verstehen, dass er sich bei ihr sicher fühlen kann und das ihre Gefühle für den intelligenten Tollpatsch echt sind. Jeder Auftritt von ihr wird vom Publikum genossen.

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Wer macht den ersten Schritt? Kemal (Eric Eisenach) oder Blondina (Julia Siebenschuh)? Foto: Ray Behringer

Mit von Düffels „Döner zweier Herren“ in der Inszenierung von Arnim Beutel kommt eine Komödie ins Nordharzer Städtebundtheater, die viele Leute genießen werden. Nicht aufgrund des Namens oder wegen des möglich aufkommenden Hungers, sondern wegen des fantastischen Ensembles, welches die verzwickte Problematik mit viel Humor, Charme und sogar Intelligenz auf die Bühne bringt. Denn wer hier eine Komödie mit lauter Flachwitzen erwartet, der wird möglicherweise enttäuscht werden. Es sind vielmehr die Situationen und das Miteinander der Figuren, welche die Inszenierung zu einem besonders amüsanten Erlebnis machen. Und genau die prägen sich in den Köpfen der Zuschauer ein. Das ist es, was sich jeder Theaterschaffende wünscht. Dies gelingt Beutel mit seiner Besetzung hervorragend. Die Spielfreude der Schauspieler konnte selbst der immer wieder aufkommende Regen am Premierenabend nicht ruinieren. Keiner von ihnen ließ sich nur eine Sekunde anmerken, dass die Wetterbedingungen nicht optimal waren. Solche Leistungen gehören honoriert. In der kommenden Spielzeit wird man sich aber weniger Sorgen um das Wetter machen müssen. Dann wird das Stück auch wieder in den üblichen Spielstätten des Nordharzer Städtebundtheaters aufgeführt. Das Publikum zeigte sich bei der Premiere begeistert. Es wäre nicht verwunderlich, wenn diese Komödie sich zu einem Kassenschlager entwickeln würde.  Unterkieferschmerzen vor lauter Lachen sind nach der Vorstellung jedenfalls garantiert – und das bei jeder Altersgruppe, die sich für solche Produktionen begeistern kann. Tickets können bereits an der Theaterkasse sowie online unter http://www.harztheater.de reserviert werden.

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Ende gut, alles gut? Foto: Ray Behringer

 

 

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