Der Schein trügt: „Chicago“ auf dem Magdeburger Domplatz

Das große Finale der Spielzeit 2018/19 vom Theater Magdeburg ist gerade auf dem Domplatz zu sehen. Mit dem Erfolgsmusical „Chicago“ konnte das Theater eine Neuinszenierung des Broadway-Klassikers gewinnen. Mit von der Partie ist auch wieder Regisseur Ulrich Wiggers, der dieser Produktion erneut mit einem Team seines Vertrauens Leben einhaucht.

Im Alkoholrausch erschießt Roxie Hart (Sandy Mölling) ihren Liebhaber Fred Casely (Christian Funk) und wird wegen Mordverdacht ins Frauengefängnis von Chicago gebracht. Dort trifft sie auf die ebenfalls mordverdächtige Velma Kelly (Marcella Adema), welche in der Öffentlichkeit ein wahrer Star ist. Das hat sie vor allem ihrem Anwalt Billy Flynn (Daniel Rakasz) zu verdanken. Er weiß, wie er die Menschen manipulieren kann und wie er seine Mandantinnen ins rechte Licht rückt. Als Flynn auch den Fall von Hart übernimmt, bricht ein Konkurrenzkampf zwischen den beiden Diven aus.

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Roxie Hart (Sandy Mölling) wurde von ihrem Liebhaber sitzengelassen. Foto: Andreas Lander

1924 schrieb die junge Journalistin Maurine Dallas Watkins 1924 über zwei Fälle, wo zwei Frauen wegen Mordverdachts auf der Anklagebank saßen. Daraufhin verfasste sie diese beiden Fälle in einem satirischen Theaterstück. 1975 kreierten der Songautor Fred Ebb, Co-Autor, Choreograf und Regisseur Bob Fosse und der Komponist John Kander ein Musical aus dem Krimi – mit Erfolg. Es ist eine Seltenheit, dass dieses Musical auf die deutschen Bühnen gebracht wird. Doch fast 100 Jahre nach der Entstehungsgeschichte konnte sich das Theater Magdeburg die Rechte für das Musical sichern. Eine Besonderheit dabei ist sogar, dass es als Neuproduktion auf die Bühne gebracht werden durfte. Dabei war es Regisseur Ulrich Wiggers wichtig, den Vaudeville-Charakter etwas in den Hintergrund zu rücken und die Geschichte der beiden Frauen, die ihre Männer bzw. Liebhaber getötet haben, mehr in den Fokus zu rücken. Dazu verlagerte er die Vorkommnisse aus den 1920er Jahren ebenfalls ins Hier und Jetzt. Denn gerade in Zeiten, wo medial viel ausgeschlachtet wird und es immer um große Schlagzeilen geht, liegen Realität und Lüge nah beieinander und sind kaum voneinander zu unterscheiden. Um genau diesen Faktor zu unterstützen, setzt Wiggers auf den Einsatz von Kameramännern, die aus unterschiedlichen Perspektiven das Bühnengeschehen aufzeichnen und lässt diese auf Leinwände projizieren. Der Rezipient wird nicht nur Zuschauer einer Show, sondern darf sich wie Zuhause an einem Sonntagmittag vorm Fernseher eine musikalisch untermalte Livesendung ansehen. Da darf natürlich auch der Conferencier (Chris M. Nachtigall) nicht fehlen, der ganz genau weiß, wie er mit dem Publikum umzugehen hat. Die Journalisten und Reporter stattet er mit modernem Equipment aus, die es ermöglichen, die Ereignisse zeitnah in der Welt zu verbreiten. Zig reißerische Schlagzeilen werden immer wieder eingespielt. Dazu lässt er seine Hauptprotagonisten als Selbstvermarkter auftreten, die ihr Handwerk verstehen und die sich bewusst sind, wie sie sich in Szene setzen müssen, um in aller Munde zu sein. Obwohl die Vaudeville-Dramaturgie minimal kürzer treten muss, dürfte hier kein großes Gemecker entstehen. Denn Wiggers lässt sein komplettes Ensemble im Rampenlicht glänzen. Dabei ist es egal, ob es sich um Schauspieler, Tänzer oder Musiker handelt.

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Das Bühnenbild von Leif-Erik Heine hinterlässt auch bei den Zaungästen einen bleibenden Eindruck. Eine zehn Meter hohe Justitia ragt über den Domplatz. Am linken und rechten Bühnenrand sind noch zwei acht Meter große Wächter zu finden. Diese drei Figuren wirken so massiv und mächtig, als würden sie schon Jahrhunderte über dem Domplatz wachen und einigen Verbrechern ein schlechtes Gewissen verliehen haben. Dazu gibt es noch einige Gefängniszellen, in denen sich die gefangenen Frauen tummeln. Einige Kulissen werden auch schnell zu edlen Wohnungsräumen im Stil der 1920er Jahre. Mit dieser Kreation hat sich Heine ein weiteres Mal mit seinem Ergebnis übertroffen. Aber auch Franz Blumauer, der für die Kostüme verantwortlich ist, konnte seiner Kreativität freien Lauf lassen. Er lässt die Akteure nicht nur im typischen 20er-Jahre-Stil auftreten, sondern kleidet sie auch modern ein. Vor allem das Wasserfall-Kleid verschlägt so manchen Rezipienten den Atem.

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Amos Hart (Enrico de Pieri) lässt sich von seiner Frau Roxie (Sandy Mölling) bequatschen und sichert ihr zu, dass er den Anwalt Billy Flynn für sie engagieren wird. Foto: Andreas Lander

Die Besetzung könnte kaum hochwertiger sein. Denn das, was die einzelnen Protagonisten auf die Bühne bringen, macht schon fast dem Broadway Konkurrenz. Nachdem das Theater Ex-No-Angels-Mitglied Sandy Mölling bereits 2014 für das DomplatzOpenAir gewinnen wollte, kann man heute von Glück, wenn nicht sogar von Schicksal sprechen, dass es damals nicht geklappt hat. Denn Mölling macht Roxie Hart zu einer sexy Diva, gibt sich flirty vor den Kameras und lernt schnell, wie sie die Presse und das Publikum in ihren Bann ziehen kann. Manipulation wird zu ihrem größten Talent. Aber auch stimmlich leistet sie sich hier keine Fauxpas und glänzt mit ihren gesanglichen Darbietungen. Obwohl ihre Rolle im Mittelpunkt steht, muss Mölling sich nicht nur als Roxie Hart im Gefängnis neben Velma Kelly durchsetzen können, sondern auch neben deren Darstellerin Marcella Adema. Denn Adema stellt ihre Bühnenpartnerin (zumindest am Premierenabend) ein wenig in den Schatten. Sie passt optisch und stimmlich genau in das Genre und sowie in die Zeit und wirkt trotz des Glamours, den sie im Gefängnis erfährt, ein wenig sympathischer als Hart. Sobald Daniel Rakasz als Anwalt Billy Flynn die Bühne betritt, fangen einige Frauenherzen an schneller zu schlagen. Denn Rakasz tritt in seiner Rolle überzeugend und selbstsicher auf, da er ganz genau weiß, wie er seine Mandantinnen in Szene setzen muss, damit nicht nur sie, sondern auch er in aller Munde sein kann. Damit er vor allem bei den weiblichen Zuschauern noch ein wenig im Gedächtnis bleibt, gibt es auch noch einen freizügigen Auftritt obendrauf. Das wäre ihm auch ohne die kleine Oben-Ohne-Einlage gelungen, denn auch stimmlich holt er das Maximale raus. Auch Enrico de Pieri, der als Roxies Mann Amos auftritt, kann trotz seiner relativ wenigen Auftritte und nur einer größeren Gesangseinlage Sympathiepunkte sammeln. De Pieris Amos liebt seine Frau und unterstützt sie in allen Belangen, gibt sich gutgläubig und etwas dümmlich. Deswegen schauen die meisten Menschen einfach durch ihn hindurch. Das macht ihn traurig. Doch obwohl Amos in seiner Welt wie Luft behandelt wird, bekommt De Pieris Rolle am Ende doch die verdiente Anerkennung vom Publikum. Auch Gerben Grimmius als Klatschreporterin Mary Sunshine schafft es, die Zuschauer zum Staunen zu bringen. Denn er überrascht mit einem abgefahrenen Auftritt, der möglicherweise der aufregendste des Abends ist. Und Carin Filipčić als Gefängnisaufseherin Mama Morton liefert ebenso eine starke Leistung ab. Zusammen mit den restlichen Akteuren, dem Opernchor sowie dem hauseigenen Ballett hat Wiggers eine großartige Produktion erschaffen, die zu einer fulminanten Show auf den Domplatz geworden ist und die allen Beteiligten viel Spaß bereitet.

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Ein Faktor, der ebenfalls nicht vergessen werden darf, ist die fantastische Leistung der Magdeburgischen Philharmonie, die unter der Musikalischen Leitung von Damian Omansen steht. Dieser zeigt zusammen mit jazzerfahrenen Musikergästen den Besuchern, was eigentlich hinter diesem Genre „Jazz“ steckt und warum sich diese Gattung so gut für dieses Musical eignet. Zur Freude des Publikums ist das Orchester in diesem Jahr auch wieder im Hintergrund zu sehen.

Mit „Chicago“ zeigt das Theater Magdeburg wieder einmal mehr, dass das DomplatzOpenAir eines der absoluten Highlights der Spielzeit ist und welches mittlerweile nicht mehr von dem Standort wegzudenken ist. Mit Ulrich Wiggers hat die Kultureinrichtung wieder jemanden gefunden, bei dem man garantiert sein kann, dass die Produktion ein Kassenschlager werden wird. Denn bisher wurde jede Inszenierung von Wiggers gut in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt angenommen. Dabei hat er erfahrene und talentierte Leute an seiner Seite, welche die Geschichte mit einer Menge Leidenschaft auf die Bühne bringen. Die einzelnen Rollen wurden großartig besetzt. Denn nicht nur schauspielerisch glänzt das erfahrene Ensemble, sondern begeistert vor allem mit ihren musikalischen Darbietungen. Dazu gibt es einige nackte Tatsachen und die ein oder andere Überraschung, die dafür sorgt, dass der Abend unvergesslich werden wird.

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Eine Diva kommt selten allein: Roxie Hart (Sandy Mölling, Mitte, rechts) tritt zusammen mit Velma Kelly (Marcella Adema) in Chicagos Clubs auf. Foto: Andreas Lander

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