Unangepasstes Verhalten: „Pippi Langstrumpf“ im Harzer Bergtheater

Das Harzer Bergtheater hat sich kürzlich in die Villa Kunterbunt (beziehungsweise Willa Kuntabunt) verwandelt. Rosmarie Vogtenhuber lässt die kleinen und großen Besucher an das Leben von Astrid Lindgrens Erfolgsfigur „Pippi Langstrumpf“ teilhaben und zeigt, wie beliebt ihre Geschichten heute auch noch sind und Menschen jeden Alters begeistern.

Die neunjährige Pippi Langstrumpf (Anne Wolf) macht es sich in ihrem eigenen Haus mit ihrem Affen Herr Nilsson und dem Pferd Kleiner Onkel (Julia Siebenschuh) gemütlich und wartet darauf, dass ihr Vater von seiner Seereise zurückkehrt. Sie freundet sich mit den Geschwistern Tommy (Jonte Volkmann) und Annika (Charlotte Hohlstein) an. Zusammen treiben sie allerhand Schabernack und Pippi teilt ihre skurrilen, meist geflunkerten Geschichten mit ihren Mitmenschen. Als Frau Prysselius (Eric Eisenach) davon Wind bekommt, dass die kleine Pippi alleine lebt, setzt sie alles daran, das Mädchen in ein Kinderheim zu stecken. Das gestaltet sich allerdings nicht so einfach, wie sie es sich erhofft…

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Pippi Langstrumpf (Anne Wolf, rechts) freundet sich mit Tommy (Jonte Volkmann, links) und Annika (Charlotte Hohlstein) an. Foto: Ray Behringer

Es wird wahrhaftig kunterbunt im Harzer Bergtheater, wenn „Pippi Langstrumpf“ auf dem Spielplan steht. Dabei ist es egal, ob es sich um die Handlung selbst oder um die Ausstattung von Bianca Fladerer dreht. Die jeweiligen Bühnenbilder sind zwar recht simpel, wurden aber trotzdem sehr einladend gestaltet. Allein die „Willa Kuntabunt“ möchte von den kleinen Besuchern erklommen oder der Zuckerwattenstand überfallen werden. Bei den Kostümen wurden auch keine farblichen Grenzen gesetzt. Kräftige Nuancen und Muster treffen aufeinander, die auf den ersten Blick zwar eine wahre Farbexplosion darstellen, aber irgendwie auch herrlich angenehm wirken. Diese Komponenten helfen dabei, eine aufregende Atmosphäre für alle Beteiligten zu schaffen, welche genau in die Welt von Pippi Langstrumpf passt. Vogtenhubers Inszenierung wirkt so lebendig wie die Kulisse selbst. Die Abenteuer von Pippi bringt sie mit viel Witz und Charme für die ganze Familie auf die Freiluftbühne. Voller Konzentration verfolgen die Kinder das Geschehen und fühlen sich den Hauptprotagonisten schnell verbunden. Sie finden Freunde in den Figuren und bilden ein Team, wenn es das Ereignis hergibt. Das gemeinsame Musizieren des Titelsongs, welches mehrfach wiederholt wird, funktioniert auch einwandfrei.

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Der starke Adolf (Swantje Fischer, rechts) hat keine Chance gegen Pippi (Anne Wolf). Foto: Ray Behringer

Anne Wolf gibt sich als Pippi Langstrumpf sehr selbstbewusst für ein neunjähriges Mädchen. Vielleicht sogar ein wenig zu selbstbewusst. Jedoch fliegen ihr die Sympathien der Kids zu. Sie hat viele Flausen im Kopf und ist dennoch überzeugt von sich und schafft es, deutlich ältere Personen auf den Arm zu nehmen. Jedoch gibt sich Wolfs Pippi auch sehr loyal und vermittelt Werte, die wichtiger sind als materielle Dinge. Trotz ihres unangepassten Verhaltens bleibt sie stets freundlich. Letzteres ist auch einer der Punkte, der aufweist, dass es nicht verkehrt ist, unangepasst zu sein, solange man keinen allzu großen Schaden hinterlässt. Sie zeigt auch, dass man immer an seine Träume glauben und nicht zweifeln sollte. Unterstützung bekommt sie dabei von Tommy und Annika, die von Jonte Volkmann und Charlotte Hohlstein verkörpert werden. Beide sind ein eingespieltes Team und geben ein perfektes Geschwisterpaar ab, welches immer durch dick und dünn geht. Beide sind zwar anständig erzogen worden, jedoch lassen sie sich gerne von ihrer Freundin mit den roten Drahtzöpfen aus der Reserve locken, ganz nach dem Motto „Was die Mama nicht weiß, macht sie nicht heiß“. Besonders niedlich zu beobachten ist dabei die Schüchternheit, die manchmal bei Volkmanns Tommy eintritt, wenn er auf Pippi trifft. Er möchte ihr gefallen und sich von seiner besten Seite zeigen, ohne dabei jemand darzustellen, der er nicht ist. Das gelingt ihm gut. Aber auch Julia Siebenschuh, die nicht nur als Kleiner Onkel, sondern auch als Zirkusdirektor und Kapitän Langstrumpf auftritt, hat die Herzen der Kinder auf ihrer Seite. Sie nimmt jede Gestalt und (Kostüm)Form mit einer Lässigkeit an und unterhält das gesamte Publikum, ohne sich dabei in den Vordergrund spielen zu müssen oder gar zu wollen. Stefan Werner Dick und Swantje Fischer treten ebenfalls in mehreren Rollen auf. Auch sie überraschen das Publikum jedes Mal aufs Neue und sorgen für mehrere Lacher. Gerade als Donner Karlssohn und Blom hinterlassen sie mit diversen Gags einen bleibenden Eindruck.  Und obwohl es sich in dem Stück um Pippi Langstrumpf dreht, steht hier (zumindest für die etwas älteren Zuschauer) eine ganz andere Figur im Mittelpunkt, ohne überhaupt darauf abzuzielen. Eric Eisenach überzeugt vor allem mit seiner Darbietung als Frau Prysselius. Es ist ein wahrer Genuss ihn dabei zu beobachten, mit was für einer Leidenschaft er dieser Figur Leben einhaucht und wie sehr ihm weibliche Rollen liegen. Von Kopf bis Fuß nimmt er eine damenhafte Haltung ein. Dabei gibt er/sie sich oft empört über das kleine elternlose Mädchen. Als die von Pippi liebevoll genannte Prusselise möchte Eisenachs Charakter sichergehen, dass das junge Kind gut behütet aufwächst. Man kann ihm… ähh… ihr einfach nicht böse sein. Spätestens dann, wenn sie auf den starken Kapitän Langstrumpf trifft, zeigt sich, dass Frau Prysselius auch eine sanfte Seite in sich trägt und sich auch nicht davor scheut, diese mit den Anwesenden zu teilen.

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Beim Kaffeekränzchen von Tommy und Annikas Mutter (Stefan Werner Dick, Mitte) gerät die Situation außer Kontrolle. Frau Prysselius (Eric Eisenach) und Frau Settergren (Swantje Fischer (2.v.r.) sind empört von Pippis (Anne Wolf, rechts) Verhalten. Foto: Ray Behringer

Mit „Pippi Langstrumpf“ kommt eine bunte und unterhaltsame Welt auf die Bühne des Harzer Bergtheaters, welche Groß und Klein sowie Jung und Alt in ihren Bann zieht. Vogtenhuber zeigt, dass die Geschichten um Astrid Lindgrens wohl bekanntester Figur zeitlos sind. Auch das Ensemble hat bei der Aufführung eine Menge Spaß. Dies überträgt sich auf alle anwesenden Besucher. Denn obwohl es sich hierbei um die Sparte „Junges Theater“ handelt, stoßen auch Eltern auf für sie amüsante Momente. Die Produktion  bietet sich dafür an, für eine Stunde und 20 Minuten aus dem Alltag zu entfliehen. Denn das stärkste und unberechenbarste Mädchen der Welt muss man einfach mögen. Damit alle die Erinnerungen nicht nur im Gedächtnis behalten, sollten die Besucher noch die Chance ergreifen und ein gemeinsames Erinnerungsfoto mit den Protagonisten schießen. So sollte jeder das Bergtheater mit einem breiten Grinsen verlassen.

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Eine Erinnerung für die Ewigkeit: Nach der Vorstellung stehen die Schauspieler wie beispielsweise Eric Eisenach und Charlotte Hohlstein für Fotos bereit.

 

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