Irrsinniger Realitätsverlust: „Hamlet“ an der Schaubühne Berlin

Thomas Ostermeiers Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“ ist seit der Premiere im September 2008 nicht mehr aus dem Programm der Schaubühne Berlin wegzudenken. Seitdem pilgern Menschen aus aller Welt in die deutsche Hauptstadt, um sich selbst ein Bild über den Hype dieser Produktion zu machen oder gar auf ihn aufzuspringen. Doch was macht den Shakespeare-Klassiker so begehrt?

Claudius (Urs Jucker) strebt nach Macht und bringt seinen Bruder, den König von Dänemark (ebenfalls Urs Jucker) kaltblütig um. Es dauert nicht lange, bis er Gertrud (Jenny König), die Witwe seines Bruders, zur Frau nimmt. Als eines nachts Prinz Hamlet (Lars Eidinger) der Geist seines verstorbenen Vaters erscheint und dieser ihm von der Tat seines Onkels berichtet, soll und will er Rache nehmen. Dabei stürzt er alle Beteiligten ins Unglück und lässt sich selbst in den Wahnsinn treiben.

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Claudius (Urs Jucker, links) und Gertrud (Jenny König) feiern ausgelassen ihr Hochzeitsfest.; Foto: Arno Declair

Die Kunst liegt heutzutage darin, klassische Theaterstücke zeitgenössisch zu inszenieren, ohne sie vollkommen zu verfremden. Bei William Shakespeares „Hamlet“ kommt noch hinzu, dass der Umfang so komplex ist, dass es zu Kürzungen und Streichungen von weniger relevanten Figuren kommen muss. Wer Regisseur Thomas Ostermeier und Dramaturg Marius von Mayenburg kennt, der weiß, dass ihre Produktionen nie so werden, wie man sie erwartet. Jeder kennt die Geschichte des Prinzen von Dänemark und weiß, worum es in dem Stück geht. Erwartungen, die Lehrer im Unterricht ihren Schülern mit auf dem Weg gegeben haben, sollten bei Ostermeier schleunigst über Bord geworfen werden. Denn er macht seine Produktion an der Berliner Schaubühne zu einer unterhaltsamen Samstagabend-Show, die garantiert nicht so schnell aus den Köpfen der Zuschauer gehen wird. Er paart das verzweifelte Familiendilemma und die Lebensverzweiflung Hamlets mit schrillem Slapstick, was bei einigen Besuchern für einen möglichen Herzinfarkt sorgen kann. Doch dieses Wagnis ist der Erfolgsregisseur gerne eingegangen, denn schließlich ist jede Vorstellung seit über zehn Jahren ausverkauft. Dabei lässt er das dänische Königshaus als eine Art Möchtegern-High-Society-Gesellschaft auftreten, die mit Plastikgeschirr und Bierdosen um sich wirft. Er drückt seinen Schauspielern Mikrofone in die Hand, die den Abend moderieren und innerhalb weniger Sekunden mit einem schnellen Kostümwechsel zu einer anderen tragenden Figur werden. Mit dem Einsatz einer Kamera werden einige Szenen auf den Vorhang projiziert, die in den Fünfziger Jahren auch in einem Boulevard-Magazin hätten ausgestrahlt werden können. Gleichzeitig eröffnet das Lied „Theater“ von Katja Ebstein und vor allem die Songzeile „Alles ist nur Theater und ist doch auch Wirklichkeit“ eine völlig neue Sicht auf die Gegenwart in der Schaubühne. Denn die Akteure sorgen dafür, dass das Publikum immer wieder mit in die Handlung einbezogen wird. Diese kleinen Details erwecken beim Rezipienten den Eindruck, dass diese eine Vorstellung nur so zu dieser Zeit an diesem Ort stattfinden kann und sie, obwohl sie an einem Textbuch gebunden ist, in dieser Art einmalig ist.

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Prinz Hamlet (Lars Eidinger) trauert um den Verlust seines geliebten Vaters.; Foto: Arno Declair

Hauptverantwortlicher für dieses einzigartige Spektakel ist Lars Eidinger in der Titelrolle. Er agiert als Moderator und Entertainer zugleich. Während er anfangs unscheinbar in der Ecke sitzt und vor sich hintrauert, steht er irgendwann durchgehend im Rampenlicht und sorgt für Erstaunen, lautes Gelächter und Fassungslosigkeit zugleich. Besucher bekommen in dieser Vorstellung das Komplettpaket seines schauspielerischen Könnens zu sehen und werden mit auf einen Wahnsinns-Trip genommen. Während er den bekanntesten Monolog des Stücks gleich in drei völlig unterschiedlichen Darbietungen präsentiert und das Publikum irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, wann sein Krankheitsbild gespielt oder Wirklichkeit ist, greift er zum Mikrofon und will eine wilde Party mit seinen Schauspielkollegen und den Gästen auf den Rängen feiern. Da wird auch schon mal der lange Tisch zur Bühne, auf dem er Deichkinds „Krawall und Remmidemmi“ wie eine irre Rampensau performt. Vor vulgären Ausdrücken schreckt er ebenfalls nicht zurück. Aber er kann auch leise Töne von sich geben, gerade wenn er beispielsweise wieder über den Tod nachdenkt. Eidinger ist eine Faszination und Ostermeier bietet ihm seit Jahren die Bühne, auf der er Menschen aus aller Welt sein Talent zeigen kann. Ihm sei es gegönnt.

Neben Lars Eidinger sticht aber auch noch Urs Jucker aus der Besetzung heraus. Er verkörpert das Gute und das Böse zugleich. Das Gute ist in seinem Fall der Geist des Königs von Dänemark, Hamlets Vater. Wenn er in Hamlets Visionen erscheint, gibt er sich als sorgsam und stolz aus. Durch diese kurzen Augenblicke kann der Rezipient spüren, dass zwischen Hamlet und seinem Vater eine gute Beziehung geherrscht haben muss. Demnach fällt es ihm leicht, seinen Sohn von seinen Racheplänen zu überzeugen. Sobald Jucker in die Rolle von Claudius schlüpft, verhält sich das Böse in ihm ziemlich unauffällig. Er versteht das Handwerk, wie man mit Worten die Menschen manipulieren kann. Trotz seiner grauenvollen Taten schafft er es nicht gänzlich, von jedem im Raum gehasst zu werden. Dies würde der Inszenierung auch nicht ganz gerecht werden. Denn Ostermeier hat eine Fassung auf die Bühne gebracht, wo jeder Schauspieler mindestens einen besonderen Moment hat, der sich im Kopf des Zuschauers einnistet. Und obwohl es ein Abend ist, der Lars Eidinger gehört, ist es keine Inszenierung, in der er die Präsenz der Mitwirkenden in den Schatten stellt.

Ostermeiers „Hamlet“ ist keine 08/15-Produktion des Shakespeare-Klassikers und möglicherweise auch nicht das, was sich einige Leute im Voraus vorstellen. Es ist ein schrilles Bühnenerlebnis mit einem derben Umgangston, in der auch musikalische Gesangs- und Tanzeinlagen nicht fehlen dürfen, genau wie genügend Freiraum für Improvisation. Seine Version der Tragödie dient der Unterhaltung der Massen. Dieses Konzept geht auf und wird auch noch lange andauern, da Ostermeier mit seiner Fassung von 2008 noch immer den Zeitgeist trifft. Ein Besuch dieser Veranstaltung ist für jeden Theaterliebhaber Pflicht.

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Hamlet (Lars Eidinger) nimmt die Krone an sich. Foto: Arno Declair

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