Nachtklub Spezial: „Howie the Rookie“

Marian Kindermann. Habt ihr den Namen schon mal gehört? Nein? Ihr habt ihn also höchstens mal in einer meiner Rezensionen gelesen, richtig? Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr ihn trotzdem kennt. Sein Gesicht habt ihr bestimmt irgendwo schon mal gesehen. Vielleicht kennt ihr ihn ja aus dem Fernsehen. Oder noch besser: aus dem Kino. 2012 spielte er die männliche Hauptrolle in Sönke Wortmanns Komödie „Das Hochzeitsvideo“. Na, dämmert’s bei euch? Wenn nicht, dann schaut euch einfach den Trailer auf YouTube an und der Ahhhhh-Effekt wird sofort eintreten. Versprochen. Seit der Spielzeit 2016/2017 ist er festes Ensemblemitglied am Theater Magdeburg – und ich bin ziemlich glücklich darüber. Denn dieser Kindermann hat echt was drauf – auch musikalisch. Für das Nachtklub-Spezial, welches am 04. Februar im Schauspielhaus stattfand, gab man ihm mit „Howie the Rookie“ von Marc O“Rowe eine One-Man-Show. Ist das doch nicht etwas zu viel des Guten, wenn man überlegt, in wie vielen Stücken er diese Spielzeit zu sehen ist? 

Worum geht es eigentlich in dem Stück? Es geht um die ungleichen Namensvetter Howie und Rookie Lee (beide gespielt von Marian Kindermann). Howie zieht gerne mit seinen Kumpels Peaches und Danny durch die Kneipen, anstatt auf seinen kleinen Bruder aufzupassen. Er ist hinter Rookie her, wegen dem es ihm am ganzen Körper juckt, da er auf Dannys Matratze geschlafen hat und denkt, dass Rookie die Krätze dort gelassen hat. Rookie ist, obwohl er ein Weiberheld ist, ein ziemliches Weichei. Er lässt sich von der Gang vermöbeln und kann irgendwie fliehen, bevor Schlimmeres passiert. Dann bekommt er auch noch Stress mit Ladyboy, da er dessen Piranhas auf die Wiese gekippt und zermatscht hat. Er schuldet ihm 700 Mäuse. Und irgendwie passiert es, dass beide Charaktere sich auf einmal miteinander verbünden.

 

Das Stück beginnt. Auftritt: Howie Lee. Kindermann trägt einen stylischen Jogginganzug mit Mütze. Er erzählt seine Geschichte und übernimmt gleichzeitig auch die Rollen der Figuren aus seiner Erzählung. Man erkennt Howie daran, dass er wild gestikuliert. In einem rasenden Tempo erzählt und „tanzt“ er über die kleine Fläche, die seine Bühne ist. Ihm von Anfang an komplett zu folgen, ist etwas schwer. Aber das ändert sich, sobald der Zuschauer die Charakterzüge von Howie analysiert hat. Er ist nun mal ein recht zackiger Typ. Laute Lacher gibt es vor allem an den Stellen, wo er von der fetten Vivienne erzählt, die Peaches‘ Schwester ist, mit der er ab und an mal vögelt und die ihm gerne an seinem Gerät rumschraubt, während er am Urinieren ist. Die Vorstellungskraft des Rezipienten wird noch mehr angeheizt, wenn man Kindermann genau dabei beobachtet, wie er die Situationen versucht zu demonstrieren. Einfach herrlich. Dann geht auf einmal das Licht aus. Als es wieder an geht, sitzt Kindermann auf einem Stuhl in der Ecke und nippt an einem Bier. Er trägt keine Mütze mehr. Auch die Jacke seines Jogginganzugs hat er ausgezogen. Dafür trägt er jetzt ein weißes Basic-Shirt. Er fängt langsam an weiterzuerzählen. Sofort bemerkt man, dass ein Perspektivwechsel stattgefunden hat. Nun ist Rookie an der Reihe. Und dem Publikum entgeht es nicht, dass diese Figur ein kompletter Gegensatz zu Howie Lee ist. Jetzt steht ein schüchterner Schönling vor den Zuschauern. Er hat dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht. Ganz klar, dass man ihm jetzt abkauft, dass er bei Frauen gut ankommt. Doch er zeigt ganz offensichtlich, dass er ein Schwächling und kein großer Freund von Reibereien ist. Er ist derjenige, der immer einstecken muss. Und dann fängt Rookie auf einmal an zu erzählen, wie er auf Howie trifft und wie dieser ihm bei seinem Problem helfen möchte – einfach so. Und da Kindermann nicht mehr offensichtlich in die Rolle von Howie schlüpft, erkennt man als Außenstehender somit genau, wie die beiden Figuren sich voneinander unterscheiden. Und dass es bei dieser Zweiteilung bleibt, ist auch gut so. Hätte Kindermann zwischen Howie und Rookie hin- und herwechseln müssen, dann wäre es für den Rezipienten ziemlich schwer geworden, dem Handlungsstrang zu folgen. Und obwohl man am Anfang möglicherweise den Eindruck erhält, dass man dem Ganzen nicht durchweg Aufmerksamkeit schenken kann, da Howie ziemlich flott unterwegs ist, ist man irgendwann gefesselt.

 

Aber vor allem sollte man beeindruckt sein. Beeindruckt von der Leistung von Marian Kindermann. Er leistet durchweg enormen Körpereinsatz (Howie hätte definitiv das Potential zu einem soliden Breakdancer) und sabbelt sich den Mund schaumig (wortwörtlich). Die Geschichte ist witzig und traurig zugleich. Auch die Emotionen transportiert er richtig gut. Wow, einfach nur wow. Und das auch nur für eine einzige Vorstellung. Wahnsinn. Dennoch würde ich mir persönlich wünschen, dass es nicht bei diesem einzigen Mal bleibt. Dafür waren dann doch zu wenig Leute anwesend und dieses Stück und Marian Kindermann haben noch mehr Aufmerksamkeit von Theatergängern verdient. Vielleicht lag es ja wirklich am Super Bowl, dass so wenige Zuschauer ins Foyer des Schauspielhauses kam. Man weiß es nicht. Sollte es aber dennoch ein nächstes Mal geben, dann hoffe ich, dass ihr euch diese One-Man-Show nicht entgehen lasst.

Ich persönlich möchte meinen imaginären Hut vor Marian Kindermann ziehen. In der aktuellen Spielzeit ist er in genau acht (!) Produktionen am Theater zu sehen und reißt die Hütte auch noch mit einer einmaligen Sache ab. Ein letztes Mal: Chapeau, Marian!

 

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