„Wir sind der Diskurs der anderen!“ – „Hello. It’s me Democrazy“ zum letzten Mal im Schauspielhaus

2017 war ein interessantes Jahr für die Politik. Passend dazu dachte sich Jan Koslowski das Stück „Hello. It’s me Democrazy“ am Schauspielhaus Magdeburg nach dem Roman „Stadt der Sehenden“ von José Saramago zu inszenieren. 

Es ist der Tag, an dem sie nicht wählen gegangen sind, weil es draußen regnete. Stattdessen lernen die unzertrennlichen Geschwister Ines (Pia-Micaela Barucki) und Mayo (Amadeus Köhli) Thomas (Ralph Opferkuch) kennen und nehmen ihn in ihre eingeschworene Mitte. Zusammen halten die drei „Weltverbesserer“ auf großen leeren Straßen ihre politischen Ideale hoch und berauschen sich am Glücksgefühl universeller romantischer Liebe bis letztlich all ihre Träume samt den Pappkulissen im Regen aufweichen.

Pia-Micaela Barucki, Ralph Opferkuch und Amadeus Köhli haben dank Koslowski einen äußerst schwierigen Text zu sprechen. Ihre Reden sind schnell und absurd zugleich. Das Gesagte mag an einigen Stellen ziemlich gebildet klingen, doch eigentlich ist es totaler Schwachsinn. Eigentlich genau das, was man auch von manchen Politikern sagen mag. Doch die drei Darsteller sind äußerst überzeugend in dem, was sie von sich geben – bis sie sich wiederholen und jeder das nachquatscht, was der andere bereits zuvor gesagt hat. Und dann kommen auch noch die lautstarken Auseinandersetzungen. Doch hier werden über Kleinigkeiten gestritten, sodass man wieder lachen muss, weil man nicht glauben kann, dass man sich über diese Dinge so dermaßen aufregen kann. Man kann es schon als eine Streitpolitik bezeichnen, die man mit der jetzigen politischen Situation in Deutschland vergleichen kann. Als ob Koslowski es gerochen hätte, dass es so kommen würde, wie es gerade ist. Aber obwohl es irgendwann ziemlich anstrengend wird, dem unnützen Geschwafel zu folgen, macht das Trio ihren Job gut und überzeugend.

Svenja Gassen steckt Barucki, Opferkuch und Köhli in Kostüme, die absolut nicht ins Jahr 2017 passen. Man möge denken, dass das Stück in den 60er oder 70er Jahren spielen würde. Aber so ist es keineswegs. Die Mischung der vergangenen Zeiten funktioniert aber super. Auch der Ausstatter Maximilian Siebenhaar hat sich viel einfallen lassen. Mal setzt er die drei Hauptprotagonisten in ein Café, dann aber auch in das Wohnzimmer oder auch in die Küche, wo die Ereignisse als eine Filmprojektion für den Zuschauer übertragen werden. Das Unwirkliche soll hiermit hervorgehoben werden. Die Idee funktioniert gut. Die Drehbühne bietet aber u.a. auch noch ein Bad, aus denen man neben der Küche die Streitereien verfolgen kann. Doch viel über die Protagonisten selbst erfahren wir nicht. Sie bezeichnen sich zwar selbst als die „Sperrspitze der Avantgarde“, aber eigentlich tun sie nichts, was die Welt bewegen könnte. Im Gegenteil: Sie wirken eher so, als hätten sie selbst keine Ahnung von der Geschichte und auch ziemlich einsam.

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Mayo (Amadeus Köhli), Ines (Pia-Micaela Barucki) und Thomas (Ralph Opferkuch) bezeichnen sich selbst als die „Sperrspitze der Avantgarde“. Foto: Nilz Böhme

Am Ende wird nochmal richtig übertrieben, als es darum geht, wer von den Dreien gegessen werden soll und wer nicht. Sie geben alle in einer finalen Ansprache nochmal Vollgas. Was so durchgeknallt ist, unterhält das Publikum aber enorm. Etwas Unerwartetes passiert. Und dann taucht auch noch der moralische Zeigefinger namens Zeigi auf, der eine bewegende Abschlussrede spricht.

„Hello. It’s me Democrazy“ ist ein unerwartet amüsantes Stück über die Politik – und um Streit über die Lebensmittelversorgung. Und es ist auch irgendwo ein Kampf zwischen Leben und Tod – absurderweise. Am Freitag, dem 19. Januar 2018, wird es zum letzten Mal im Schauspielhaus aufgeführt. Nutzt die Chance und sichert euch eure Tickets unter http://www.theater-magdeburg.de oder auch an der Theaterkasse.

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