Abenteuer Bukarest: Drei Monate in einem fremden Land

Drei Wochen habe ich bereits geschafft. Drei von zwölf Wochen Auslandspraktikum. Drei von zwölf Wochen in der Haupstadt Rumäniens. Noch bevor ich die Reise antrat, hatte ich das Gefühl, dass diese zwölf Wochen sich wie zwölf Jahre anfühlen würden. Mittlerweile denke ich darüber anders. Ich möchte euch in verschiedenen Etappen und Geschichten erzählen, was ich hier so erlebe und warum die Zeit für mich jetzt schon eine ganz besondere ist. Es wäre schade, wenn auf diesem Blog in der nächsten Zeit wenig bis absolut gar nichts passieren würde. Und dafür gibt es auch jetzt schon viel zu viel, was ich mit euch teilen möchte.

Der Empfang

Das Abenteuer begann noch in Deutschland. Nachdem mich meine Freundin Imme zum Bahnhof in Magdeburg gebracht hat und wir uns unter Tränen verabschiedeten, stieg ich in meinen Zug, der mich nach Berlin bringen sollte. Es war ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich für eine (für mich) so lange Zeit nicht mehr in meiner Heimat sein würde. Als ich dachte, dass ich alles erstmal hinter mich lassen muss, erblickte ich irgendwann ein mir bekanntes Gesicht. Ich starrte diesen Menschen förmlich an, weil ich mir wirklich sicher sein wollte, dass er es war. Wenig später sah er nach oben und ich erkannte das Gesicht von Jan Rekeszus. Wer diesen Blog verfolgt, der weiß, wer damit gemeint ist. Ich ging zu ihm und wir quatschen noch ein bisschen miteinander, bevor ich in Potsdam umsteigen musste. Das sollte aber der letzte Abschied gewesen sein. Anstatt aufgeregt zu sein, breitete sich in mir eine gemütliche Ruhe raus. Es dauerte nicht lange, dann war ich auch schon am Flughafen Schönefeld angekommen. Und da ich bereits das Wort “Abenteuer” erwähnte: Ich stand kurz vor meinem allerersten Flug. Für die meisten mag es vielleicht Routine sein, aber bisher kam ich leider noch nie in den Genuss. Aber ich freute mich mittlerweile sehr darauf. Anstatt zwei Stunden vor Abflug war ich fast vier Stunden vor Abflug da. Ich wollte auf Nummer sicher gehen. Das Warten vertrieb ich mir damit, indem ich die Reisenden an den verschiedenen Stationen beobachtete. So versuchte ich zu analysieren, wie so ein Check-In und alles abläuft. Überpünktlich stand ich schon am entsprechenden Schalter, um meinen Koffer abzugeben. Easy. Die Kontrolle war auch nicht so schlimm, wie ich sie mir anfangs ausgemalt habe. Bevor ich mich auf den Weg zu meinem Gate machte, holte ich mir noch einen Nudelsalat und eine Hollunderbrause und versorgte ein paar Freunde mit Informationen, wie weit ich bisher gekommen bin und sendete der Facebook-Community einen letzten Gruß aus Deutschland. Dann suchte ich mein Gate und fand es ziemlich schnell. Zwei lange Schlangen haben sich bereits gebildet. Nach der letzten Kontrolle nahm ich meinen Platz in der Schlange mit einer höheren Priorität ein. Und dann dauerte es auch nicht mehr lange und wir wurden zum Flugzeug geführt. Gott, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe. Meine Begeisterung stieg mit jedem Schritt. An Bord fand ich auch ziemlich schnell meinen Platz, den ich mir gebucht habe. Natürlich direkt am Fenster. Ich hatte keine Angst. Ganz im Gegenteil. Links von mir setzte sich ein junger Mann und neben ihm seine Freundin. Mittlerweile konnte ich kaum meine Augen von meiner Uhr lösen,da ich endlich fliegen wollte. Und die Zeit verstrich sogar so schnell, dass ich nicht mehr lange darauf warten musste. Angeschnallt war ich. Die Stewardessen performten im Gang eine Choreografie. Ich muss an dieser Stelle nicht erklären, was sie dort machten. Langsam setzte sich das Flugzeug in Bewegung. Unverzüglich zückte ich mein Handy, um das Ereignis als Video festzuhalten. Es wurde immer schneller und schneller, mein Grinsen zeitgleich immer breiter und breiter – und dann hebten wir ab. Dieses Gefühl werde ich niemals vergessen. Es hatte etwas von grenzenloser Freiheit. Ja, so würde ich es bezeichnen. Ich konnte spüren, wie mir eine Träne die rechte Wange hinunterlief. Nicht, weil ich Deutschland jetzt den Rücken kehrte, sondern weil ich glücklich war. Alle Zweifel und unguten Gefühle warf ich immer mehr ab, während ich weiterhin mit einem Lächeln aus dem Fenster schaute und den Sonnenuntergang aus einer ganz anderen Perspektive wahrnahm.

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Mein allererster Flug: Berlin von oben.

Irgendwann merkte ich, dass mein Sitznachbar seinen Kopf im Schoß seiner Freundin vergrub. Er hatte offensichtlich nicht so viel Spaß an der Situation. Solange ich draußen etwas wahrnehmen konnte, schaute ich mir einen Teil der Welt von oben an. Als es zu dunkel war, setzte ich mir meine Kopfhörer auf und hörte ein wenig Musik. Und dann waren die zwei Stunden Flug auch schon so gut wie vorbei. Als wir tiefer flogen, konnte ich Rumänien von oben sehen – bei Nacht. Dann ging es auch ziemlich schnell und wir landeten. Jetzt konnte ich das erste Mal eine leichte Aufregung in mir spüren. Ich nahm meine Sachen, stieg aus dem Flugzeug und betrat zum ersten Mal rumänischen Boden.

Mit einem Bus wurden wir vom Landungsplatz transportiert. Dann ging ich durch die Kontrolle und auf einmal war ich schon in der Gepäckhalle. Und als ob es abgesprochen wurde, kam mein erster Koffer direkt vor mir an, als ich in die Halle trat und keine Minute später folgte mein anderer Koffer. An der Exchange-Station links von mir tauschte ich noch die Währung. Kurz bevor ich in die Empfangshalle ging, bekam ich von meiner zukünftigen Mitbewohnerin und gleichzeitig Kollegin namens Aida eine SMS. Sie hieß mich herzlich Willkommen in Bukarest und teilte mir mit, dass sie ein paar Minuten später kommen würde. Aber ich musste nicht allzu lang warten, da ging sie schon an mir vorbei. Da sie mich von hinten nicht erkennen konnte, ging ich dann auf sie zu. Sie begrüßte mich mit einer Umarmung und einem Lächeln auf den Lippen und überreichte mir einen kleinen Blumenstrauß. Sie war mir sofort sympathisch. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle, wo uns ein Bus in die Stadt fahren sollte. Währenddessen fingen wir an über meinen Flug und meine Erwartungen an die drei Monate zu quatschen. Wir mussten schon viel lachen. Das war ein gutes Zeichen. Im Bus ging es dann auch munter weiter. Nebenbei zeigte sie mir schon einige besondere Sehenswürdigkeiten und Einrichtungen, die wir während der Fahrt aus dem Fenster sehen konnten. Mit voller Begeisterung sah ich nach draußen und das nahm auch Aida sofort wahr, indem sie mir sagte: “Du strahlst so sehr. Das ist unglaublich, was für eine positive Ausstrahlung du hast.” Nach fast einer halben Stunde stiegen wir aus dem Bus und sprangen quasi in die U-Bahn hinein. Vorher holte ich mir aber mein Monats-Ticket. Da hätte ich mir bereits mein erstes Fauxpas geleistet. Der Automat schluckt zwar Scheine, spuckt aber keine mehr aus. Also man muss passend zahlen. Natürlich zückte ich zu Beginn gleich einen 100-Lei-Schein und wollte damit den Automaten füttern. Aber Aida sagte mir noch schnell genug, dass ich hier passend zahlen muss und hatte zum Glück auch 70 Lei passend im Portemonnaie. Ich war sofort ein Fan des Systems: Wie in London muss man die Karte in ein Gerät reinstecken, welches die Durchgangsschranke dann öffnet. Ein paar Stationen später kamen wir dann an unserer Haltestelle an. Wir wollten einen Aufzug nehmen, aber dieser ist nur bis 22 Uhr in Betrieb. Ich musste lachen. So ist das also in Rumänien. Dann nahmen wir halt die Treppe. Ein Weg von etwa sieben Minuten erstreckte sich über uns, bevor wir dann Zuhause ankamen. Und kaum trat ich über die Schwelle der Haustür, empfing mich auch schon ein kleiner, dünner, weißer Kater mit grau-braunen Flecken. Das war also Wintilla.

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Mein Herz habe ich an diesen kleinen Kater verloren: Wintilla.

Ich war sofort verliebt in ihn – und er auch offensichtlich in mich. Er fing sofort an zu schnurren, leckte an meinen Fingern und tänzelte mir um die Beine. Nachdem mir Aida dann mein Zimmer gezeigt hat, gab es als kleinen Willkommensgruß noch Kuchen und Wein. Der Wein stammte aus eigenem Anbau. Den Kuchen, den sie auftischte, kam natürlich aus der rumänischen Küche und ist ein traditionelles Feiertagsgebäck. Sein Name war Kozunak. Mir wurde gesagt, dass es ein Kuchen sei, der mit Schokolade gefüllt ist. Er war auch sehr lecker. Aber mir fiel sofort etwas auf, was Aida mir nicht gesagt hat oder was ihr entgangen sein muss. “Kann es sein, dass die Schokolade nach Rum schmeckt?”, fragte ich sie. Sie hat das gar nicht mehr wahrgenommen, probierte noch ein entsprechendes Stück und beantwortete mir die Frage mit einem Ja. Während wir gemütlich beisammensaßen, erzählten wir uns gegenseitig was über uns. Ich fühlte mich nicht fremd. Das war ein weiteres gutes Zeichen. Nach fast drei Stunden bat ich sie dann doch mal um das WLAN-Passwort, um meiner Familie und meinen Freundin auch mitzuteilen, dass ich sicher gelandet bin und alles in bester Ordnung ist. Wir haben beide nicht auf die Uhr gesehen. Das war dann auch der Moment, wo wir uns beide bettfertig machten. Nachdem ich damit fertig war, legte ich mich auf mein Bett und schrieb jedem engen Kontakt von mir eine persönliche Nachricht. Die meisten waren sogar noch wach, weil sie auf ein persönliches Lebenszeichen von mir warteten. Als ich damit fertig war, legte ich mein Handy beiseite und schlief auch ziemlich schnell ein.

Am nächsten Tag wurde ich von der Sonne wachgeküsst. Ich habe sehr gut geschlafen. Zusammen mit Aida deckte ich den Frühstückstisch und dann ließen wir es uns mit selbstgemachten Smoothie erstmal gutgehen, bevor sie mit mir eine kleine persönliche Sightseeing-Tour unternehmen wollte. Wir starteten die Tour in unserem Park Crângași. Dort empfingen uns zwei riesige Herzen, die sofort mein kleines eroberten. Im Park stellte ich fest, dass dieser für die ganze Familie konstruiert wurde. Sowas habe ich in Deutschland bisher nicht gesehen. Es gab Spielplätze, Trainingsstationen für die Sportler, kleine Stände, wo man Spielzeuge, Essen und Trinken kaufen konnte. Am Ende des Parks ist ein See. Sein Name ist Lacul Morii. Es fühlte sich ein bisschen an, als sei es Ironie des Schicksals, da ich in Magdeburg auch direkt am See wohnte. Ich beschloss, dass ich dort öfter hinkommen werde.

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Ein See mit vielen Facetten: Lacul Morii.

 Dort kann man auch gut joggen. Danach nahmen wir die U-Bahn und stiegen an der Station Izvor aus. Der weitere Weg führte durch den gleichnamigen Park. Schon aus der Ferne erblickte ich dieses mächtige Gebäude. Ich rede vom Parlamentspalast. Mir war schon vorher bekannt, dass es eines der flächenmäßig größten Gebäude der Welt ist. Und jetzt stand ich davor. Kurz ein Foto geschossen (siehe Titelbild) und dann ging es auch schon weiter zum nächsten Park. Ja, wenn Bukarest eines hat, dann sind es Parks. Dieses Mal ging es durch den Parcul Cișmigiu. Ich war nicht nur ganz angetan von der Uhr, die am Eingang des Parks stand, sondern auch allgemein davon, was sie so zu bieten hatten. Mich faszinierte, dass alles, aber wirklich alles immer so familienbezogen war. Es ging weiter Richtung Altstadt, wo ich zum ersten Mal eine Mischung aus Bus und Straßenbahn sah. Dieses Fahrzeug nannte sich Trolleybus.

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Ein Bus, der seine Sicherheit braucht: der Trolleybus.

Nach einigen weiteren Sehenswürdigkeiten, Museen und Universitäten ging es dann zur Leipziger Straße, hier Lipscani genannt. Das ist eine große Einkaufs- und Restaurantstraße. Es war Liebe auf den ersten Blick. Irgendwann erblickte ich den Teil, wo sich Club an Club reihte und ich wusste, dass ich dort auch einige Tanznächte verbringen würde. Irgendwann gingen wir in ein Café. Dort sollten wir auf Freunde von Aida und einen zukünftigen Arbeitskollegen von mir treffen. Wir waren aber die Ersten. Lange mussten wir nicht warten, als zwei weibliche Freunde von ihr erschienen. Kurz darauf kamen zwei Männer durch die Tür. Einer von ihnen war natürlich mein zukünftiger Arbeitskollege.Die Begrüßung fiel ebenfalls sehr herzlich aus. Wir setzten uns, bestellten uns ein paar Drinks und erzählten uns, wer wir sind. Als mein Kollege erfuhr, dass ich aus Ostdeutschland komme, war er darüber sehr glücklich. Er selbst ist nämlich auch Deutscher und kommt aus Ostberlin. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. So blieb ich auch ruhig, was meinen ersten Arbeitstag betraf. Ich war absolut nicht aufgeregt. Fast vier Stunden verbrachten wir in dem Café, bis wir uns alle auf die Socken machten.

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Hier könnte ich Tage, aber vor allem (unzählige) Nächte verbringen: Lipscani.

Wieder in den eigenen vier Wänden angekommen, machten wir uns auch recht schnell bettfertig. Vor allem ich war ziemlich erschöpft, da ich die letzten Tage kaum Schlaf bekommen habe. Aber ich bereute den Schlafmangel nicht. Letztendlich war es eine aufregende (letzte) Zeit in Deutschland und eine Steigerung stand in Rumänien kurz bevor. Mittlerweile war ich mir ganz sicher, dass die drei Monate mehr als spannend werden würden. Ich war angekommen.

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