Mit „Das Phantom der Oper“ hat der Komponist Andrew Lloyd Webber mit Abstand das erfolgreichste Musical der Welt erschaffen (wenn man sich alleine mal die Zahlen reinzieht, wie oft dieses Stück am Broadway gespielt wurde). Mit „Love Never Dies“ (übersetzt: „Liebe stirbt nie“) hat er eine Fortsetzung zu seinem Meisterwerk geschaffen, das nun 14 Jahre nach seiner Uraufführung in London auf dem DomplatzOpenAir des Theater Magdeburg gezeigt wird – und zwar in der Inszenierung von Pascale-Sabine Chevroton.

Foto: Andreas Lander
Es ist grau am Premierenabend auf dem Domplatz in Magdeburg. Regen ist nicht angesagt. Die Besucher und Zuschauerinnen sind dennoch überwiegend warm angezogen, denn schließlich wird es von Stunde zu Stunde kälter – und windiger. Aber nicht zu windig. Trotzdem ist es das ideale Stimmungsbild für eine Reise nach Coney Island. Dort findet nämlich zehn Jahre nach dem vermeintlichen Tod des Phantoms Lloyd Webbers Werk seine Fortsetzung. Denn das Phantom ist nicht tot. Nach den dramatischen Geschehnissen in den Gewölben des Pariser Opernhauses zog es den Künstler mit dem entstellten Gesicht zusammen mit Madame Giry und ihrer Tochter Meg auf die Halbinsel nach New York. Dort baute er sich den Vergnügungspark Phantasma auf. Ein Jahrzehnt später erhält er die Nachricht, dass seine geliebte Muse Christine Daaé nach New York kommen würde, um dort einen Auftritt hinzulegen. Mit im Gepäck: ihr Ehemann Raoul de Chagny und ihr Sohn Gustave. Hier ist nichts dem Zufall überlassen, denn das Phantom setzt alles daran, seine Geliebte zu sehen und sie dazu zu gewinnen, für ihn aufzutreten. Das Stück ist ein Countdown eines emotionalen und tragischen Showdowns …
Um Coney Island auf den Magdeburger Domplatz zu bringen, hat sich Jürgen Franz Kirner für das Bühnenbild extrem viel einfallen lassen. Eine breite Spielfläche mit vielen kleinen, meist düster gehaltenen Stationen, die keineswegs überladen wirkt. Hinter dem gruselig gestalteten Eingang befindet sich das Orchester des musikalischen Leiters Pawel Poplawski, das die Anwesenden jederzeit beim Musizieren beobachten können. Dann wäre da z.B. auch noch die drehbare Kulisse, die jeweils als Gemächer des Pariser Besuches fungiert (in hellen Tönen gehalten), aber die auch den Wohnraum des Phantoms darstellt – und zwar aus Spiegeln. Besonders überraschend und auf dem ersten Blick nicht sichtbar: Eine Bar, die unter dem Boden in der Nähe des Wassers ist. Es ist eine Kunst von Kirner, mehrere Schauplätze miteinander intelligent zu verknüpfen, ohne die Bühne unnötig zu überlagern, obwohl ohnehin schon viel los ist.

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Mit „ohnehin schon viel los“ sind vor allem die Gestalten gemeint, die im Vergnügungspark Phantasma herumtänzeln. Die skurrilen Attraktionen kommen meist in weißen und/oder schwarzen Gewändern und clownsmäßig gestalteten Gesichtern daher – nur eher mit schwarzer Farbe, das den Grusel-Faktor ein wenig erhöht. Die Kostüme von Tanja Liebermann sind farblich gesehen oftmals entsättigt, was sehr gut zum Stimmungsbild passt. Sie ähneln oftmals dem Vaudeville-Stil. Die Pariser treten oftmals in hellen, edlen Kleidungsstücken aus dem 19. Jahrhundert auf. Meg ist dabei die Einzige aus dem Cast, die dauerhaft in lebendigen bunten Farben mit stellenweise auffälligen Mustern die Bühne betritt. Jedoch ändert sich das farbliche Stimmungsbild ihrer Kleidung auch zum Ende der Aufführung hin. Doch Liebermanns abwechslungsreiche Kostüme sind ein absoluter Hingucker, die vielleicht viel mehr Aufschluss über die jeweiligen Gemütszustände oder die jeweilige Verfassung der jeweiligen Handelnden auf der Bühne aufweisen, als das Publikum im ersten Moment annehmen mag.
Ein Sequel wird oftmals von vielen ziemlich kritisch unter die Lupe genommen. Demnach musste Andrew Lloyd Webber sich nach der Veröffentlichung von „Das Phantom der Oper“ anhören, dass „Love Never Dies“ niemals an das Niveau seines Erfolgswerkes herankommen würde. Demnach fiel das Feedback nach der Uraufführung eher durchwachsen aus. Deswegen hat die Fortsetzung wahrscheinlich auch nicht die größte Bekanntheit erlangt. Dabei wirft uns der Schöpfer nicht zig neue Figuren zum Fraß vor, sondern legt im Sequel eher den Fokus auf die Weiterentwicklung bereits bekannter Charaktere und schenkt uns mit der Figur von Gustave eine einzige neue Schlüsselfigur. Vielleicht war es einigen Rezipienten und Zuschauerinnen auch ein Dorn im Auge, dass der Komponist sich nicht ständig an altbekannten Melodien oder Texten bedient, sondern „Love Never Dies“ ein eigenes Standing gegeben hat. Jedoch schmälern diese Details keinesfalls das Stück. Und genau das zeigt Chevroton hervorragend in ihrer Inszenierung.

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In Deutschland gibt es eine Vielzahl an talentierten Musicaldarstellern und -darstellerinnen. Da dürfte es doch nicht schwierig sein, die ideale Besetzung des Phantoms für so ein Event wie in Magdeburg zu finden. Wenn man sich Patrick Stanke allerdings als Hauptfigur ansieht, dann wird man schnell merken: Es gibt zurzeit keinen anderen, der ihm in dieser Rolle das Wasser reichen könnte. Denn er schafft es direkt zu Beginn das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Stanke zeigt sich erhaben, liebevoll, reizbar, sorgenvoll – es gibt eigentlich keine Emotion, die er nicht bedienen kann, sowohl in seinem Schauspiel als auch in seinem Gesang. Er versucht nicht, aus der Menge herauszustechen. Besonders hervorzuheben ist, dass er es schafft, in Duetten seine Spielpartner und -partnerinnen nicht auszustechen. Er sorgt für Harmonien in jeglicher Hinsicht und man wünscht sich, dass der Musicalabend durch seine Performance nie endet.
Als passendes Gegenstück wurde Stanke Martina Lechner als Christine Daaé zur Seite gestellt. Fast schon majestätisch schwebt sie über die Bühne, zeigt sich als liebevolle Mutter, die allerdings nicht vollends zufrieden mit ihrem Leben zu sein scheint. Als sie dem Phantom begegnet, ist sichtbar, dass sie sich in einem inneren Konflikt befindet. Sie möchte zwar ihrem einstigen Geliebten zeigen, dass sich die Vergangenheit nicht mit einem Fingerschnipp in die Gegenwart verwandeln lässt, kann ihm seine Bitten jedoch am Ende nicht abschlagen. Mit ihrem Sopran trifft sie direkt ins Herz. Als sie den titelgebenden Song „Liebe stirbt nie“ performt, hält das Publikum den Atem an und einige Tränen fließen vor Rührung. Was für eine geniale Besetzung schon zu diesem Punkt.
Aber es geht noch weiter. Denn anstatt sich einen Jungen für die Rolle des Kindes Gustave zu suchen, hat man die aufstrebende Musicaldarstellerin Sarah Gadinger als diesen besetzt. Gadinger verkörpert in der Rolle genau das, was man sich unter einem zehnjährigen Jungen vorstellt: Sie ist neugierig, will die Welt erkunden und entdecken – und genau das spiegelt sie in ihrem Spiel auch wider. Wer denkt, dass sie aufgrund des Alters der Figur gewollt kindlich singt und denkt, dass sie dadurch ihre Stimme extrem quetschen muss, der täuscht. Sie schafft einen hervorragenden Spagat und schafft es schnell, sich beim Publikum beliebt zu machen.
Sobald Manja Stein als Madame Giry die Bühne betritt, bekommt man das Gefühl, die böse Stiefmutter aus „Cinderella“ oder Malefiz aus „Dornröschen“ sind dort in einer Reinkarnation erschienen. Edel gleitet sie über die Spielfläche und ein Blick reicht oftmals aus, um zu erahnen, was sich gerade in ihrem Kopf abspielt. Dabei wird jedoch schnell klar: Ihre Figur befindet sich in einem Überlebenskampf und sie ist mitunter zu allem bereit, um sich und ihrer Tochter ein gutes Leben zu sichern. Das transportiert Stein auch während ihrer musikalischen Darbietungen, die für manchen vielleicht ein wenig zu kurz kommen mögen. Jedoch wird ihre Interpretation der Rolle nicht so schnell in Vergessenheit geraten.

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Ein „Sorgenkind“ gibt es leider doch zu verzeichnen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass der folgende Darsteller zu schwach ist, sondern da hat es der Komponist Webber himself dann doch ein wenig selbst versaut, der Rolle die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient hätte. Denn im ersten Akt wirkt Sebastian Seitz als Raoul neben seinen Mitspielenden teilweise ziemlich verloren, wenn er mit ihnen gemeinsam auf der Bühne steht. Fast könnte man meinen, dass beim Schreiben des Stückes hier ein wenig geschlampt wurde, denn schließlich steht seine Figur im ungewollten Duell mit seinem Nebenbuhler. Zum Glück bekommt Seitz‘ Figur dann im zweiten Akt doch ein wenig mehr Gesicht. Mit seinem Soloauftritt an der Bar zeigt er, wie sehr ihn die Situation mitnimmt und die Hoffnung, ein glückliches Familienleben zu führen, noch nicht ganz aufgegeben hat. Besonders stark auch hier: das gemeinsame Duett mit Stanke. Der zweite Akt dürfte hiermit also die Rettung von Seitz‘ Rolle darstellen, denn sein Schauspiel und seine gesanglichen Einlagen waren alles andere als schlecht.

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Die größte Wandlung innerhalb des Stückes dürfte wohl Sophia Gorgi als Meg Giry gemacht haben. Meg ist durch und durch ein Showgirl und weiß, wie sie die Blicke auf sich ziehen kann. Ihr liegt das Entertainment-Gen im Blut. Dabei wird nicht auf Anhieb klar, dass sie sich in einem inneren Kampf befindet. Denn nach außen hin scheint Meg ein glückliches Leben zu führen, doch der Schein trügt, wie sich im Laufe der Handlung noch herausstellen wird. Gerade im zweiten Akt wirkt sie fast hilflos, da ihr nicht die Aufmerksamkeit geschenkt wird, um die sie seit Jahren bei ihrem Arbeitgeber, dem Phantom, buhlt. Das spiegelt die Künstlerin nicht nur in ihrem Schauspiel, sondern auch in ihrem Gesang wider. Richtung Ende tritt Gorgi beinahe schon auf, als wäre sie von einem Dämon besessen. Dass gerade ihre Figur so eine krasse Wandlung hinlegen würde, erwarten wohl die wenigsten.

Foto: Andreas Lander
Pascale-Sabine Chevroton hat es geschafft, mit ihrer Inszenierung zu „Love Never Dies“ zu zeigen, dass das Sequel keinesfalls neben „Das Phantom der Oper“ blass wirkt. Es ist eine gelungene Fortsetzung, von der man sich wünscht, es hätte bereits das Prequel mit derselben Besetzung gegeben. Cast und Crew vermitteln Freude und Spaß am Spiel, obwohl die Handlung von Ups & Downs gezeichnet ist. Neben gesanglichen und tänzerischen Einlagen gibt es auch ein paar akrobatische Nummern, von denen man ebenfalls nicht die Augen abwenden kann. Nicht zuletzt das fabelhafte Orchester um Pawel Poplawski sorgt mit seinem nie endenden Einsatz für eine Menge Gänsehautmomente, wenn bereits bekannte Melodien aus dem Vorgängerwerk gespielt werden. Bis auf ein paar Tonprobleme am Premierenabend ist diese Produktion ein absolutes Meisterwerk, dass bei dem gesamten Publikum, egal ob bei Jung oder bei Alt, ein Feuerwerk der Emotionen entfacht. Besonders gelingt dieser Inszenierung die Vermittlung der Worte „Liebe stirbt nie“. Denn es ist nicht in erster Linie die Liebe zwischen zwei (fremden) Menschen, die hiermit gemeint ist, sondern in erster Linie die Liebe, die Eltern und ihre Kinder miteinander verbindet. Ein Stück, das auf mehreren Ebenen erzählt wird und tiefgründiger ist, als im ersten Moment anzunehmen ist.
Das Musical ist jetzt schon ein riesiger Erfolg. Denn alle Vorstellungen waren bereits schon vor Start der DomplatzOpenAir-Saison ausverkauft. Die Glücklichen, die Karten ergattern konnten, dürfen sich also auf einen sagenhaften Abend auf Coney Island freuen. Weitere Informationen gibt es auf der Website vom Theater Magdeburg.
