Eine schrecklich verwirrte Familie: „Willkommen bei den Hartmanns“ in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater

Die Filmkomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ von Simon Verhoeven zog 2016 über vier Millionen Zuschauer in die Kinos und wurde einer der erfolgreichsten deutschen Filme des Jahres. Da die Probleme, die in dem Film witzig verpackt werden, noch immer eine gewisse Aktualität beinhalten, wurde der Stoff von John von Düffel für die Bühne bearbeitet. Am 23. September wurde mit diesem Stück die neue Spielzeit in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater eingeleitet. 

Das Ehepaar Hartmann hat eigentlich alles, was sie benötigen. Ein schickes Haus mit Garten und zwei erwachsene Kinder. Angelika Hartmann (Gesine Cukrowski) leidet unter akuter Langeweile und spült ihren Ehefrust mit Wein herunter. Ihr Mann Richard (Rufus Beck), der als erfolgreicher Chirurg tätig ist, hat große Angst vorm Altwerden. Er sträubt sich dagegen in Frührente zu gehen, will seine Knieprobleme nicht von seinem Kollegen Tarek Berger (Mike Adler) behandeln lassen, lässt sich heimlich Botox spritzen und geht im gleichen Club wie seine Tochter Sophie (Pia-Micaela Barucki) feiern. Sophie weiß mit ihren 28 Jahren noch immer nicht so recht, was sie im Leben erreichen will und versucht die Lernphase für ihre finale Psychologie-Prüfung so lange wie möglich aufzuschieben. Ihr Bruder Philip (Jonathan Beck) hingegen mutiert als gefragter Wirtschaftsanwalt zum Workaholic, steht kurz vor der Scheidung mit seiner Frau und versucht sich um seinen pubertierenden Sohn Sebastian zu kümmern, der ihm auch immer wieder ein paar Probleme bereitet. Damit Angelika endlich wieder gebraucht wird, entscheidet sie sich dazu, einen Flüchtling aufzunehmen. Ihre Familie ist anfangs nicht begeistert davon, aber sie kann sich letztendlich durchsetzen. So findet der Nigerianer Diallo Makabouri (Quatis Tarkington) sein neues Zuhause bei den Hartmanns. Alle lieben ihn. Doch problematisch wird es, als die Nachbarn von Angelikas „Projekt“ Wind bekommen und ihre ehemalige Kollegin Heike (Marion Kracht) eine Willkommensparty für Diallo schmeißt. Der Nigerianer soll abgeschoben werden und die ach so heile Welt der Familie Hartmann scheint sich in Luft aufzulösen.

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Sophie (Pia-Micaela Barucki; links), Angelika (Gesine Cukrowski, 2 .v .links) und Richard Hartmann (Rufus Beck; rechts) heißen den Flüchtling Diallo Makabouri (Quatis Tarkington, 2. v. rechts) bei sich willommen.; Foto: Franziska Strauss

In Zeiten, wo die AfD immer mehr Leute auf ihre Seite zieht und Geflüchtete oder gar Menschen mit anderer Hautfarbe, unabhängig davon, ob sie in Deutschland geboren wurden oder nicht, noch immer nicht in Deutschland akzeptiert werden, bringt Regisseur Martin Woelffer die Erfolgskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ in Berlin auf die Bühne. Vorweg muss man ganz klar sagen: Wer ein Fan des Films ist, der wird diese Bühnenfassung entweder abgöttisch lieben oder sofort wieder vergessen wollen. Die Inszenierung hält sich nämlich ziemlich nah an der Kinoproduktion. Einige haben damit keine Probleme und können über die bereits bekannten Witze lachen. Doch nicht bei jedem kommt es so gut an, dass einige Textpassagen 1:1 übernommen wurden. Geht man aber von dem Gedanken weg, dass es diesen Film gibt, kann man schon von einer durchaus unterhaltsamen Komödie sprechen, die nicht nur viele Pointen enthält, sondern auch den Grad der Ernsthaftigkeit des Oberthemas nicht zu überspitzt darstellt. Es wird nicht nur die umstrittene Willkommenskultur angesprochen, sondern auch mit deutschen Klischees gespielt. Auch das Problem mit dem Klimawandel wird kurz angerissen. Auch ein aktueller Bezug findet an einigen Stellen statt, sodass der Zuschauer nicht den Eindruck behält, dass er sich nur zwei Jahre zurückversetzt befindet.

Stephan Fernau hat eine Zehlendorfer Villa mit einem kleinen Vorgarten direkt ins Schiller Theater gebaut. Doch das Haus weckt keinesfalls den Eindruck, dass die Hartmanns zu den Menschen gehören, die von außen schon ihren Status zeigen müssen. Gleiches gilt auch für die Kostüme, die ebenfalls von Fernau stammen. Im Gegenteil: Die Hartmanns geben eher von ihrem Hab und Gut noch etwas ab und müssen nicht das Teuerste vom Teuersten besitzen. Ein gewisser Luxus ist zwar vorhanden, aber sie gehören nicht zur Berliner Schickeria.

Gesine Cukrowski verkörpert Angelika Hartmann, die als Mutter und Oma noch ziemlich viel Energie und Tatendrang mit sich bringt. Da ihre Kinder nicht mehr bei ihr wohnen und ihr Mann mit sich selbst beschäftigt ist, fühlt sie sich leer und nicht mehr gebraucht. Ihren Kummer spült sie mit Wein herunter. Ablenkung und eine Art Erfüllung bemerkt man bei Cukrowski, als Diallo ins Haus kommt. Durch ihn fühlt sie sich wieder lebendig und kann ihren Erfahrungsschatz mit ihm teilen. Sie behandelt ihn, als wäre es ihr eigener Sohn. Doch Cukrowski lässt auch etwas zu viel Energie in ihrem Spiel frei. Neben ihren Kollegen fällt sie ein wenig aus der Rolle, da sie ziemlich auf Kraft spielt, was etwas unharmonisch wirkt. Dennoch ist sie eine absolute Erscheinung auf der Bühne. Rufus Beck als Richard Hartmann könnte nicht besser besetzt worden sein. In seiner Rolle wirkt er erfahren und erfolgreich, gleichzeitig aber auch jugendlich und sportlich. Er brilliert mit seinen Alterswehwehchen und -problemen und nimmt sich dabei selbst nicht so ernst. Seine Ausdruckspatzer kommen trocken und nicht einstudiert über die Lippen. Neben seinen eigenen Problemen zeigt sich Beck aber auch als sorgsamer Familienvater, der an der Zukunft seiner Kinder interessiert ist und bringt eine gewisse Strenge mit sich. So eckt er immer wieder mit seiner Tochter Sophie, die von Pia-Micaela Barucki verkörpert wird, an. Diese ist gerade in der heißen Phase ihres Psychologiestudiums und ist sich mit fast 30 Jahren noch immer nicht sicher, ob sie damit auf Dauer glücklich werden würde. Dazu kommt noch, dass sie in Sachen Männern auch eher die Typen anzieht, die psychisch einen Knacks erlitten haben. Trotz allem spielt Barucki die gute Seele im Haus, hat für jeden ein offenes Ohr und versucht in schwierigen Situationen zu vermitteln und einzugreifen. Jonathan Beck spielt die Rolle des Philip Hartmann. Er hat sich sein großes Ansehen als Anwalt erarbeitet und ist auch international erfolgreich unterwegs. Doch seine Ehe ist am Ende. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und er ist jetzt allein mit seinem 13-jährigen Sohn Sebastian, der sich mitten in der Pubertät befindet und ihm in der Schule ein paar Probleme bereitet. Schon bei seinem ersten Auftritt merkt man den jungen Beck schon an, wie überfordert er mit allem ist. Er versucht, Familie und Beruf unter einem Hut zu bekommen, scheitert aber daran. Sein Handy ist sein Leben. Sobald dieses nicht an Mann ist, bekommt er Tobsuchtsanfälle. Irgendwann merkt er aber, dass die Familie über allem steht.

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Vater und Sohn unter sich: Richard (Rufus Beck, rechts) Philip (Jonathan Beck, Mitte).; Foto: Franziska Strauss

Quatis Tarkington zieht als Diallo Makabouri das ganze Publikum auf seine Seite. Trotz seines schweren Schicksals möchte er sich ein sicheres Leben in Deutschland aufbauen, indem er sich einen Job sucht. Dabei ist ihm auch wichtig zu verstehen, wie die Deutschen ticken und wie deren Kultur und Wertevorstellungen sind. Tarkington wird zum absoluten Sympathieträger des Stückes und will für alle um ihn herum nur das Beste. Er bringt die Zuschauer nicht nur zum Lachen, sondern rührt auch mit seiner Geschichte zu Tränen. Wenn man bedenkt, dass seine Erzählungen für viele Geflüchtete der Wahrheit entsprechen, bekommt man Gänsehaut am ganzen Körper. Dr. Tarek Berger, der von Mike Adler gespielt wird, ist nicht nur ein treuer Freund von Diallo geworden, sondern arbeitet in der Klinik von Richard Hartmann und leitet eine Laufgruppe für „Neuankömmlinge“. Da er selbst einen etwas dunkleren Hautton hat, muss er sich auch ab und an mit Vorurteilen auseinandersetzen, obwohl er gebürtiger Deutscher ist. Adler wird nicht als Schönling und Charmebolzen eingesetzt, der vom weiblichen Publikum angeschmachtet wird. Natürlich bringt er Charisma und eine gute Ausstrahlung mit, aber im Gegensatz zur Filmfigur wirkt Woelffers Berger ziemlich intelligent und entschlossen; nicht gewollt schüchtern. Komplett aus der Reihe tanzt (wortwörtlich!) in dieser Inszenierung Marion Kracht als Heike, Freundin und Ex-Kollegin von Angelika Hartmann – positiv gemeint. Sobald sie auf der Bühne erscheint, weiß man, dass es laut wird. Sie ist nämlich absolut Pro-Flüchtlinge und geht keiner möglichen Auseinandersetzung aus dem Weg. Natürlich ist sie ganz aus dem Häuschen, als die Hartmanns sich dazu entschließen, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen. Kracht, stets positiv gestimmt, geht immer mit einem guten Beispiel voran und versucht die Welt immer ein kleines Stückchen besser zu machen.

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Dr. Tarek Berger (Mike Adler, links) spricht mit Diallo (Quatis Tarkington, rechts) über deutsche Klischees.; Foto: Franziska Strauss

Themen wie die Flüchtlingskrise und die Willkommenskultur sind auch zwei Jahre nach dem großen Kinoerfolg des Films umstritten. Dennoch sind es auch Themen, die man nicht unter dem Tisch kehren sollte. Dabei muss es nicht immer total ernst zur Sache gehen. Da ist „Willkommen für den Hartmanns“ eine geeignete Produktion, um die Probleme auf eine humorvolle Weise anzusprechen, ohne zu tief in die Wunden zu drücken und sie total zu verharmlosen. Manche Witze funktionieren noch immer so gut wie vor zwei Jahren, manche eher weniger. Die zusätzlich geschaffenen Pointen sitzen dafür bei der Mehrheit, da man mit diesen nicht zwingend rechnet. Dazu steht auf der Bühne noch ein sympathischer und teils hochkarätiger Cast, der sichtlich Freude beim Spielen hat und sich selbst nicht zu ernst nimmt. Vor allem die Interaktion mit dem Publikum vermittelt ein wohliges Beisammensein.

Bis zum 28. Oktober wird „Willkommen bei den Hartmanns“ noch in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater gespielt. Eine Wiederaufnahme gibt es am 26. Februar 2019. Tickets sind hier erhältlich.

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