Anderssein gehört sich nicht: „Das Ende von Eddy oder wer hat meinen Vater umgebracht“ in der Wabe Berlin

Das Genre „Coming of Age“ ist nicht nur in Filmen und Serien allseits beliebt. Auch die Theater greifen immer mehr Stoffe für die Bühne auf, die die Entwicklung des Menschen von der Kindheit bis hin zum vollen Erwachsensein dokumentieren. Auch Alexander Weise hat mit „Das Eddy-Projekt“, gesplittet in „Das Ende von Eddy“ und „Wer hat meinen Vater umgebracht“ einen Abend in der Wabe Berlin kreiert, welcher die Entwicklung eines jungen Außenseiters zeigt, der sich noch finden muss.

Ensemble
Foto: Berta PR

Édouard Louis‘ „Das Ende von Eddy“ erzählt die autobiografische Geschichte von Eddy Bellegueule, eines empathischen homosexuellen Jungen, der in der französischen Provinz im aggressiven Dunst der sogenannten „Abgehängten“ mit allen damit unweigerlich verbundenen sozialen und familiären Diskriminierungen aufwächst. Mobbing und Schlägereien gehören zu seinem Alltag. Seine Familie stärkt ihm dabei wenig den Rücken, denn auch sie finden Eddys Auftreten seltsam und nicht „gesellschaftstauglich“. Dabei vermischt sich seine eigene erlebte Isolation mit der Verlorenheit der Sicht „der Leute“, die früher noch eine Identität in linken Ansichten fanden, sich nun aber in rechte Parolen flüchten.

Für diese Geschichte vermischt Regisseur Alexander Weise erfahrene SchauspielerInnen mit LaiendarstellerInnen, die als Hauptprotagonist verschmelzen, aber auch die einzelnen Rollen von Nebenfiguren einnehmen. Weise setzt hierbei vor allem auf die Energie der Sprechchöre, die zu seinen besonderen Stärken seiner Laufbahn zählen. Sie sind eindringlich, voller Emotionen und nagen am Zahn der Zeit. Es fallen Worte, die beim Publikum einen bitteren Beigeschmack hinterlassen. Aber so ist es nun mal auch in der Realität. Schonungslos und unzensiert. Dabei werden die Akteure mit eigens von ihnen live kreierten Loops und Gitarren- und Geigenklängen von Musiker David Schwarz unterstützt. Dieses Zusammenspiel löst beim Publikum ein Gefühl von Enge und Befangenheit aus. Denn „Anderssein“ wird noch immer nicht akzeptiert oder gar als völlig normal angesehen. Menschen sollen gewisse Normen erfüllen, so auch Eddy. Er ist zwar intelligent, was auch in den vereinzelten Monologen der DarstellerInnen deutlich wird. Aber dass er sich als junger Bursche nicht so kleidet und verhält, wie seine MitschülerInnen es tun, stößt auf Ablehnung und endet in gewalttätigen Auseinandersetzungen. All diese Aspekte bringen die SchauspielerInnen hervorragend zur Geltung. Es ist kaum zu unterscheiden, wer schon länger auf der Bühne und wer von den KünstlerInnen noch frisch im Rampenlicht steht. Dabei zeigt jeder Einzelne von ihnen optisch eine ganz eigene Persönlichkeit Eddys. Sie sind anders, aber dennoch eins: in der Findungsphase. Weise legt den Fokus voll und ganz auf seine DarstellerInnen und zeigt damit auch, dass es nicht immer ein großes Bühnenbild bedarf, um die Handlung zu unterstützen. Denn mit Hilfe der SprecherInnen werden die einzelnen Monologe zum Kopfkino – mit bitteren Erkenntnissen, dass sich diese Bilder und Auseinandersetzungen alltäglich auf der Welt abspielen.

In „Wer hat meinen Vater umgebracht“ blickt Eddy, der mittlerweile erfolgreich als Schriftsteller arbeitet und in der Hauptstadt von Frankreich wohnt, auf seine traumatische Kindheit zurück. Für diesen Part treten jeweils an einem Abend entweder Alexander Fehling, Jonathan Berlin, Michael Rotschopf oder Franz Hartwig als Hauptprotagonist auf. Letzterer erfüllt die Bühne mit seiner Solo-Präsenz während seines Monologs über seine Jugend. Aber vor allem widmet er sich seinem Vater, der nach einem Arbeitsunfall trotz Rückenschmerzen eine Stelle als Müllaufsammler aufnehmen muss, um seinen Anspruch auf Sozialleistungen nicht zu verlieren. Hartwig wirkt reflektiert und wie ein Mann von Welt. Trotz allem sind die Wunden von damals noch immer nicht verheilt. Im Gegenteil: In ihm herrscht noch immer Wut – egal ob im sozialen oder im politischen Kontext. Doch diese gehört nicht zu seinem Grundton. Vielmehr wirkt er dabei nachdenklich und zieht zudem Schlüsse zu Frankreichs Politik. Dabei nimmt der Erzähler Augenkontakt mit den Zuschauenden auf, macht kurze Pausen, um seine vorangegangene Aussage mit Wichtigkeit zu unterstreichen. Doch trotz des Hasses, der noch immer in ihm wütet, zeigt Hartwigs Eddy auch Empathie gegenüber seinem Vater – und das, obwohl dieser ihn als Heranwachsenden ebenfalls belächelt und sein „Anderssein“ nicht wirklich verstanden hat. Nicht umsonst ist Eddy am Ende der Auffassung: „Ich glaube, was es bräuchte, wäre eine ordentliche Revolution!“

Ensemble
Foto: Berta PR

Mit „Das Eddy-Projekt“ zeigt Alexander Weise eine intensive und schonungslose Inszenierung des aktuellen Zeitgeschehens in Sachen LGBTQ-Feindlichkeit und sozialer Klassengesellschaft. Trotz einiger Längen lohnt sich der Abend allein schon wegen der Scharfsinnigkeit der Thematiken und die Wirkung der beiden individuellen Vorstellungen, die auf ihre eigene Art und Weise durchdringend sind. Gerade für Heranwachsende könnte dieses Stück von großer Wichtigkeit sein. Ein hervorragendes Ensemble, grandiose Chorarbeit und vor allem ein unfassbar gutes Verständnis für die autobiografischen Romane von Édouard Louis, bei denen die jeweilige Quintessenz klar sein sollte.

Am 01. September 2021 wurde die letzte Vorstellung von „Das Ende von Eddy oder wer hat meinen Vater umgebracht“ im Berliner Kulturzentrum Wabe aufgeführt – zumindest vorerst. „Wir werden versuchen im März eine Wiederaufführung zu machen“, so Regisseur Weise nach der Dernière. Es sei ihm und seinem Team jedenfalls gegönnt.

Weitere Informationen zum Stück sowie der Besetzung auf http://www.eddy-projekt.de und auf http://www.wabe-berlin.info/eddy/.

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