Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll – and War

Die Sonne scheint in der Abenddämmerung, welches ein wunderschönes Licht auf das älteste Bauwerk der Gotik des deutschen Bodens abgibt: dem Dom. Menschen strömen in kleinen Gruppen zum Eingang des alljährlichen DomplatzOpenAirs. Am Eingang reißen zwei Frauen in einem T-Shirt, auf dem Theater Magdeburg steht, die Karten leicht ein und heißen die Gäste mit einem Lächeln willkommen. Auf dem Vorhof ist ein Gastronomie-Bereich aufgebaut, wo sich schon einige Menschen von Jung bis Alt versammelt haben. Es gibt Eis, Popcorn, Kaffee, Wein, Bier und vieles mehr. Schaut man sich die verschiedenen Schlangen an, kann man einzelne Besucher erkennen, die sich klamotten- und frisurentechnisch den Protagonisten des Musicals, welches insgesamt achtzehnmal in den kommenden drei Wochen auf dem Magdeburger Domplatz aufgeführt wird, angepasst haben. In „Hair“ geht es nämlich hauptsächlich um eine Gruppe langhaariger Hippies, die sich in New York niederlassen und sich gegen die Einberufung als Soldaten für den Vietnamkrieg auflehnen. Ihre Frisuren stehen u.a. auch für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Konzipiert wurde das Musical von den New Yorker Schauspielern James Rado und Gerome Ragni. Es war das erste Rock-Musical überhaupt und es ist eines der erfolgreichsten weltweit. Die Uraufführung fand am 17. Oktober 1967 im Public Theater in Big Apple statt. Und nun stehe ich hier, zwei Tage nach der Premiere dieser Veranstaltung, auf dem historischen Domplatz von Magdeburg. Was dieses Ereignis besonders macht: Erik Petersen, selbst gebürtiger Magdeburger, hat die große Ehre Regie für dieses Stück zu führen.

Bevor die Gäste, die ihre Plätze auf der rechten Seite der Tribüne haben, einnehmen, bleiben einige vor einem bunt angemalten Citroen 2 CV 6 Club stehen. Auf der Motorhaube steht in großen grünen und roten Buchstaben „Make Love Not War“. Manche Leute scharen sich um den kleinen Käfer, um ein paar Erinnerungsfotos zu schießen. Sobald man auf der Tribüne Platz genommen hat und in Richtung Bühne schaut, wird man in eine andere Zeit gezogen. Eine riesige Baustelle, auf der viele junge und starke Männer mittleren Alters arbeiten, wird dem Publikum bereits geboten. Das riesige Gerüst besteht aus mehreren Etagen. Wenn man genau hinschaut, kann man erkennen, dass sich in einem dieser Stockwerke Büros befinden. Dort sitzt an einem Tisch eine junge Dame in einem roten Kleid mit hochgestecktem braunen Haar, die sich gerade in einem Telefonat befinden muss. In einem anderen Büro sitzt eine blonde Sekretärin am Schreibtisch und tippt etwas auf der Schreibmaschine, während eine andere Bürokraft eine Art Bauplan durchstreicht. Auf dem Dach ziehen zwei Männer zwei riesige Banner hoch. Links kann man klar und deutlich das World Trade Center erkennen, während es sich rechts um den dazugehörigen Designplan handelt. Jetzt muss wirklich jedem Besucher bewusstwerden, dass sie sich alle auf der Baustelle der Zwillingstürme befinden. Nur der Magdeburger Dom, der die Kulisse überragt, kann einen ein wenig aus der Fantasie zurück in die Realität holen. Einen kurzen Augenblick später ertönt die Musik, dass es in wenigen Minuten losgehen würde. Weiter unten steht die Aufnahmeleitung, die darauf wartet, dass sich alle Gäste auf ihre Plätze setzen. Jetzt kann es sich nur noch um Sekunden handeln, bis es endlich beginnt.

Das Orchester fängt an zu spielen. Das Geräusch eines laufenden Motors ertönt. Auf einmal fährt ein Kleinbus gefüllt mit Hippies an der Tribüne vorbei und diese winken dem Publikum zu. Von der anderen Seite kommen welche mit Fahrrädern. Männer und Frauen, Schwarze und Weiße in zerrissenen Bluejeans und Westen mit bunten Mustern tummeln sich auf dem Platz. Der Anführer mit gesträhntem langem Haar, einer durchsichtigen Bluse und einer engen Lederhose namens Berger (gespielt von Gil Ofarim) stürmt die Baustelle und heißt seine Freunde willkommen.

Nach den ersten Liedern dauert es nicht lange, bis die ersten Drogen unter den Freaks, wie sie sich selbst bezeichnen, verteilt werden. Einige Gruppenmitglieder küssen sich intensiv legen einen halben Akt auf ihren Matratzen, die mit Batikfarben verziert sind, auf der Baustelle hin. Das ganze Schauspiel studiert nicht nur das Publikum, sondern auch die Leute, die in ihren Büros arbeiten. In ihren Gesichtern zeichnet sich blankes Entsetzen ab. Nur einer wirkt fasziniert von den „Nichtstuern“. Plötzlich rückt die Polizei an, um die Situation zu beseitigen. Der Chef der Baustelle, Mr. Bukowski (gespielt von Peter Wittig), hat sie gerufen, da er sich von der buntgemischten Gruppe provoziert fühlt. Doch ausgerechnet sein eigener Sohn Claude(gespielt von Jan Rekeszus) ist es, der sich für den Lebensstil und den Idealen der Gruppe begeistern lässt.

Die Hippiebewegung hat es einst wirklich gegeben. Es schlossen sich Gemeinschaften zusammen und versuchten eine neue Freiheit zu leben. Ihr Ziel bestand darin, die Welt neu zu begreifen. Durch den Konsum von bewusstseinserweiternden Drogen versuchten sie sich ihrem Ziel zu nähern. Deswegen war der an der Harvard-Universität lehrende Psychologie-Dozent Timothy Leary eine Art Gott für die Hippies, da er Anfang der Sechziger auf die Droge des Augenblicks aufmerksam wurde: LSD. Obwohl dieses Rauschmittel wenige Jahre nach 1966 in den Vereinigten Staaten verboten wurde, hörte der Konsum nicht auf, da sie zur Selbstfindung und zur inneren Neuausrichtung beitrug.

Nachdem die Hippies es geschafft haben die Polizei zu vertreiben, schließt sich Claude der Gruppe an. Doch lange soll er nicht bei seinen neu gewonnenen Freunden bleiben können, da er als Soldat in den Vietnamkrieg ziehen soll. Die Freaks wollen dies verhindern. Sie führen ein spirituelles Ritual durch, welches Claude endgültig zu einem Teil der Gruppe machen soll. Doch während dieses Rituals stürmen die Polizisten erneut den Platz. Dieses Mal nehmen schaffen sie es wirklich die gesamte Gruppe festzunehmen. Dann ist der erste Akt vorbei. Die Menschen strömen auf den Gastronomieplatz und zu den Toiletten. Wer seinen Platz nicht verlässt, kann beobachten, wie das Set umgebaut wird. Es wird feierlich dekoriert. An einer Stelle wird sogar eine Discokugel angebracht. Es dauert nicht lange, als die Durchsage ertönt, dass es in wenigen Minuten weitergehen wird. Auf Ansage füllt sich die Tribüne wieder mit neuem Leben. Und dann beginnt der zweite Akt.

Die Neureichen feiern die Vertreibung der Hippies. Doch es dauert nicht lange und die Party wird von den Freaks übernommen. Claude hat nämlich die Kaution für sie bezahlt. Mr. Bukowski und Konsorten verlassen ihre eigene Feierlichkeit. Darauf gibt es erstmal eine Runde LSD für alle. Das Publikum erlebt quasi den Drogentrip durch die Augen von Claude, der durch die US-amerikanische Geschichte führt. Und dann passiert es: Claude wird heimlich entführt und in den Krieg geschleust.

Der Vietnamkrieg begann 1954 nach der Teilung als Bürgerkrieg in Südvietnam. Etwa 500.000 junge Amerikaner wurden in den späten 1960er Jahren dort eingesetzt. Die meisten Soldaten waren Wehrpflichtige. Im August 1963 hielt Martin Luther King eine Rede für das Ende der Rassendiskriminierung beim „Marsch auf Washington“. An diesem nahm auch der „Hair“-Regisseur Bertrand Castelli teil, der dafür in Gewahrsam genommen wurde. Am 08. März 1965 landen die ersten US-Bodentruppen in Vietnam. Es entwickelte sich mit der Zeit eine große Protestbewegung, die zu zahlreichen Aktionen und Demonstrationen führte. Dazu gehörten u.a. der „Vietnam Day“, der „Christopher Street Liberation Day“ und zahlreiche „Human Be-In’s“ (Versammlungen der Hippies als politische Kundgebung und künstlerisches Happening).  Es wurden Einberufungsbefehle verbrannt und einige Kriegsverweigerer flohen nach Kanada. Die Zahlen der vietnamesischen Kriegsopfer nach dem Ende des Krieges um 1975 liegen bei zwei bis über fünf Millionen. Darunter befinden sich 58.220 US-Soldaten.

Mittlerweile sind die bunten Farben verschwunden. Die gesamte Kulisse hat sich in ein graues Schlachtfeld verwandelt. Auf zwei Bildschirmen, die in der Pause aufgestellt wurden, sehen wir Originalaufnahmen dieses scheußlichen Krieges.

Auf schwebt eine Bombe über den Köpfen der Protagonisten hinweg. Wir befinden uns also im Vietnamkrieg. In der Mitte der Tribüne steht Claude, angsterfüllt, mit einer Waffe in seinen zitternden Händen. Dann hallt ein lauter Knall über den Domplatz. Menschen zucken zusammen und erheben ihre Hände, die sie schützend über ihre Köpfe halten. Ein zweiter Knall erschreckt alle erneut. Schüsse fallen von links und rechts. Es folgt Stille.

Wir befinden uns wieder in Big Apple. Vor den Augen der Musical-Besucher spielt sich eine emotionale Szene ab, die einigen einen Schleier über die Augen legt. Die Trauer entwickelt sich zu einer Art Kampfansage. Kurz vor Ende der Vorstellung wird er wieder wahrgenommen: Der Magdeburger Dom, der fast völlig in der Dunkelheit verschwunden war, bekommt nun wieder ein Licht. Während Tränen fließen und Menschen im Takt der Musik mitklatschen, erscheint ein riesiges Peace-Zeichen auf einem der Türme. Der Applaus wird immer heftiger und die Menschen erheben sich von ihren Plätzen.

Nachdem sich das Publikum mit einem tosenden Applaus bei den Darstellern und allen Kreativköpfen bedankt haben, verlassen sie langsam in einer riesigen Traube die Tribüne. Sie verlassen nicht nur die Tribüne, sondern auch New York, Vietnam, das Jahr 1968 und die Hippies. Und da stehen sie nun wieder, in Magdeburg auf dem Domplatz im Jahre 2016. Die nominierte Kulturhauptstadt hat es an diesem Abend geschafft mehrere Kulturen miteinander zu verbinden. Auch für die kommenden Vorstellungen wird der Zauber garantiert noch in der Luft liegen.

Nächstes Jahr wird „West Side Story“ dort aufgeführt. Auch hier werden wieder viele zu Gast sein, wenn der Domplatz sich wieder zu New York City verwandelt – nur in die Fünfziger zurückversetzt.

 

Titelbild: Andreas Lander

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