Meine Liebe zum Verein – und was ich daran hasse

In der 9. Klasse bekam ich einen neuen Mitschüler. Sein Name war Martin. Wir freundeten uns langsam an und es stellte sich heraus, dass er sich für Fußball interessierte. Eigentlich interessiert sich so gut wie jeder Junge für diesen Sport, aber er war der erste Fußball-Fan, der seinen Verein bei den Spielen unterstützte. Also der Erste für mich, den ich persönlich kannte. Sein Herz schlug für den 1. FC Magdeburg. Als wir ein intensiveres Gespräch darüber führten, meinte er zu mir: „Wenn du eines über Fußball und vor allem über den FCM wissen musst, dann ist es ‚Alle gegen Halle!‘. Das sind Worte, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Ich habe mich zwar schon immer für diesen Sport interessiert, aber immer nur oberflächlich. Einen bestimmten Verein gab es für mich nicht. Wenn ich mal ein Spiel im Fernsehen verfolgte, dann war es hauptsächlich ein Länderspiel. Um ehrlich zu sein, war das hauptsächlich zu Europa- und Weltmeisterschaften der Fall. Aber während die meisten Mädchen, mit denen ich beim Public Viewing war, sich teilweise nur auf die süßen Spieler interessierten, konzentrierte ich mich auf das Spiel. Ich analysierte viel und überlegte, welcher Pass in dem Moment am günstigsten wäre. Ja, ich beschäftigte mich mit den Regeln des Sports. Und ja, ich wusste sogar, wann jemand im Abseits stand. Meine Mädels verstanden nur Bahnhof, wenn ich versucht habe, ihnen diese Regel zu erklären. Aber meine Jungs fanden es gut, dass ich den Sport wenigstens etwas verstand, obwohl ich mich nicht so sehr dafür interessierte, wie sie es taten. Dank meines Freundes Martin blieb es immerhin dabei, dass ich mir ab und an die Ergebnisse einiger Mannschaften ansah. Dabei war es egal, um welche Liga es sich drehte. Deswegen interessierte mich auch, wie der FCM abgeschnitten hat. Um dich Spieler habe ich mich dabei nicht gekümmert. Aber ich war immer davon fasziniert, wie Martin über seinen Verein sprach. Aber ich konnte mich mit diesen Emotionen nicht identifizieren.

Im vergangenem Jahr entschied ich mich für ein Studium in Magdeburg. Die Stadt mit dem Fußball-Verein, den Martin so sehr liebte. Aber mir wurde erst nach meinem Umzug wirklich bewusst, wie viele Menschen hinter diesem Verein standen. Jeder wusste, wann der 1. FC Magdeburg ein Heimspiel bestreiten musste. Die ganze Stadt färbte sich in den Farben blau und weiß. Ich kannte solche Bilder vorher nur aus dem Fernsehen. „Irgendwann wirst du auch mal ins Stadion gehen und dir ein Spiel vom FCM ansehen.“, sagte ich mir immer wieder. Dieser Gedanke nahm immer mehr Gestalt an, als ich meine Kommilitonen Felix und Babsy kennenlernte. Felix, der daheim sowie bei den Auswärtsspielen immer vertreten sei, erzählte immer mit einer Begeisterung von seinem Verein, die ich vorher nur von Martin kannte. Babsy hingegen ging gelegentlich zusammen mit ihrem Freund Robin zu den Heimspielen, war aber trotzdem ein treuer Anhänger des Fußballclubs. Wir nahmen uns vor, dass wir einmal zusammen zu einem Heimspiel gehen würden. Doch das sollte sich noch eine Weile hinziehen.

In Magdeburg hatte ich nicht nur was mit meinen Kommilitonen zu tun. Schon vor meinem Studium war ich des Öfteren in dieser Stadt und hatte einige Freunde hier. Automatisch lernt man immer wieder neue Leute kennen. Irgendwann schloss ich die Bekanntschaft mit einem sympathischen Mann, mit dem ich mich allerdings nicht über Berufliches unterhalten habe. Es waren ganz normale Gespräche, die sich in der Situation ergeben haben. Einige Wochen später entdeckte ich ein Foto von einem Kumpel auf Instagram, worauf jene Bekanntschaft auch drauf zu sehen war. Durch eine Verlinkung kam ich auf sein Profil und musste feststellen, dass es ein FCM-Spieler war, mit dem ich mich recht gut verstanden habe. Ich fand es aber gut, dass in jenen Gesprächen nie sein Beruf thematisiert wurde. Andere würden locker den Bekanntheitsstatus ausnutzen, was aber mein Gesprächspartner nicht tat. Das gab nochmal einen Sympathiepunkt obendrauf. Aber jetzt sollte der Zeitpunkt kommen, an dem ich noch interessierter an einem Stadionbesuch war. Und dieser Zeitpunkt stand zum letzten Spieltag der Saison 2015/2016 vor der Tür.

Einen Tag vor dem Spiel verabredete ich mich mit Felix und einem weiteren Freund im Eiscafé. Während wir dort draußen saßen und unsere Eisbecher genossen, schlenderten ab und zu ein paar Spieler vom FCM an uns vorbei. Felix machte mich immer darauf aufmerksam und erzählte mir dann, was für Stärken dieser Spieler habe und was ich von ihm erwarten kann. Meine Vorfreude stieg und stieg. Sie stieg sogar so sehr, dass ich mir nach dem Café-Besuch noch die Hymne des 1. FC Magdeburg versuchte einzuprägen. Ich wollte nicht einfach nur körperlich dabei sein.

Und da war er nun. Samstag, der 14. Mai 2016 sollte also mein erster Tag in einem Stadion sein. 1. FC Magdeburg vs. Würzburger Kickers. Damit auch wirklich jeder sehen konnte, dass ich für den FCM da war, lieh mir Babsy einen blau-weißen Schal aus. Sofort fühlte ich mich als ein Club-Mitglied und ließ mich von der guten Stimmung anstecken, die in der Straßenbahn Richtung Arenen herrschte. Jedoch wusste ich auch, dass es auch ein etwas trauriger Tag werden würde. Dabei war es egal, ob der FCM gewonnen hätte oder nicht. Denn an diesem Tage mussten sich einige Spieler von dem Verein loslösen und diese sollten auch gebührend verabschiedet werden. Babsy und Robin erzählten mir von diesen Spielern und konnten auch einige Entscheidungen nicht nachvollziehen. Am Stadion angekommen war ich einfach nur überwältigt. Überwältigt von der Größe. Überwältigt von der Fanmasse. Ich löcherte meine zwei Begleiter mit Fragen, während ich mit großen Augen beobachtete, wie jeder seine Plätze in den Blöcken einnahm. Vor allem beobachtete ich die Menschen, die sich in Block U ansammelten. Irgendwo da musste Felix sein. Und auch Martin musste sich dort befinden. Aber ich wusste es nicht genau. Ich hätte ihn gerne gefragt, wo genau er sich befindet, aber ich hatte seine Handynummer nicht mehr. Leider ist er auch in keinem sozialen Netzwerk angemeldet. Das machte mich etwas traurig, da wir eine tolle Freundschaft hatten. Er hätte sich sicher gefreut mich im Stadion zu sehen. Meine Gedanken wurden unterbrochen, als die ersten Spieler den Rasen betraten, um sich warmzumachen. Darunter befand sich auch meine Bekanntschaft. Robin setzte den Job von Felix fort und erzählte mir, wer auf welcher Position spielt, welche besonderen Stärken er mitbringt und wer verabschiedet wird. Der Anpfiff rückte immer näher und irgendwann hallte die Stimme des Stadionsprechers durch das Heinz-Krügel-Stadion (HKS), die uns mitteilte, dass jetzt die Hymne folgen sollte. Alle hielten ihre Schals nach oben und auf einmal ertönte ein stimmgewaltiger Chor, in dem ich mit einstimmte. Das war wieder so ein Moment, den ich vorher nur aus dem Fernsehen kannte. Aber keine Worte können beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man live dabei ist. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich Gänsehaut am ganzen Körper bekam. Nach der Hymne sangen alle noch das Lied „Magdeburger Kind“. Wenig später ertönten die Glocken vom Dom, welche das Zeichen dafür war, dass beide Mannschaften einlaufen und das Spiel beginnen würde. Wieder bemerkte ich, wie ich am ganzen Körper Gänsehaut bekam. Allgemein wurde ich von einer emotionalen Welle überschwemmt, die ich nicht erwartet habe. Es folgte der Anpfiff und Nico, der Vorsänger aus Block U, nahm gleich die Zügel in die Hand und machte mächtig Stimmung. Alle stimmten mit ein und auch ich hatte eine unfassbar schnelle Auffassungsgabe und war relativ text- und klatschsicher. Die Kombination aus Fußball gucken und singen gleichzeitig hatte seinen Reiz. Ich war auch schneller im Spiel drin, als ich es vorher erwartet habe. Langsam verstand ich, warum Martin so fasziniert von diesem Sport und vor allem von dieser Mannschaft war. Immer wieder blickte ich Richtung Block U, um zum einen zu gucken, was wir in den Blöcken als nächstes zu singen oder zu klatschen haben. Zum anderen, weil ich wusste, dass auch Martin seinen Verein stimmgewaltig unterstützte. Letztendlich verlor der FCM  das Spiel. Eigentlich habe ich erwartet, dass alle traurig darüber sein würden. Aber das war irgendwie nicht der Fall. Schon wenig später jubelte der FCM, weil er ins Finale des Landespokals gekommen ist. Ich freute mich gleichzeitig mit, war aber auch etwas niedergeschlagen, als der Part der Verabschiedungen kam. Es war zwar mein erstes Mal bei einem Spiel vom FCM, aber es fühlte sich so an, als wäre ich schon ewig ein Club-Mitglied und würde jeden Spieler kennen. Das war zwar nicht der Fall, aber ich wusste, dass all das Auswirkungen auf meine Zukunft haben würde.

wp_20160514_13_42_28_pro
Mein erstes Mal im Stadion – und meine erste Schalparade.; Foto: Anna-Lena Kramer

Vier Tage später saß ich bei Babsy und Robin zusammen mit ihrem gemeinsamen Freund Philipp vorm Fernseher und feuerten von dort aus den 1. FC Magdeburg im Landespokal an. Wieder eine Niederlage – und das ausgerechnet gegen Halle. Jetzt ging es aber für die Spieler in die wohl verdiente Pause. In dieser Zeit befasste ich mich intensiv mit dem FCM, weil ich einfach Bock auf mehr bekommen habe. Ich beschäftigte mich u.a. mit den aktuellen Spielern und verfolgte auch, wer in der neuen Saison neu dazu stoßen sollte. Mittlerweile sang ich zusammen mit Babsy die ein oder anderen Lieder, die ich im Stadion aufgeschnappt habe. Als die Mannschaft aus dem Urlaub zurückkam und irgendwann Testspiele anstanden, war ich auch dort anzutreffen. Es war nicht mehr zu verleugnen: Mich hatte dieser Verein gepackt. Mittlerweile kannte ich auch Namen und Gesichter und es fiel mir auf, wie vielen und vor allem wie oft man jemanden vom Club in der Stadt begegnete. Wenn ich dann zufällig meine Bekanntschaft traf, war meistens auch immer ein Kollege von ihm dabei. Mittlerweile kennt man sich auch ein wenig und wenn man sich mal begegnet, dann wird entweder freundlich gegrüßt oder man quatscht auch mal kurz miteinander.  Von Überheblichkeit keine Spur.

becki
Für einige ist er ein Fußballgott. Ich nenne ihn aber einfach nur Christian Beck.; Foto: Anna-Lena Kramer

Kurz bevor die neue Saison begann, wusste ich auch endlich, was ich mir zum Geburtstag wünschen würde: ein Trikot. Es wurde es wichtig, die Farben blau und weiß zu tragen. Denn ich wusste, der Tag in der Saison 2016/2017 kommen wird, an dem ich nicht mehr im Stadion sein kann. Das mag jetzt zwar dramatischer klingen, als es vielleicht sein mag, aber mir bedeutet es sehr viel zumindest bei den Heimspielen vertreten zu sein. Ab Mitte März werde ich ein Praktikum in Rumänien antreten müssen, welches drei Monate gehen wird. Und ab diesem Moment ist es natürlich klar, dass ich nicht mehr im Heinz-Krügel-Stadion sein kann. Jedes Mal, wenn ich daran denke, zieht sich in mir etwas zusammen. Ich wage es einfach mal mit einer frischen Liebe zu vergleichen. Anfangs kann man einfach nicht voneinander lassen und hasst es, wenn man sich für einen kurzen Augenblick trennen muss. Die Gefühle sind ziemlich stark. Und so geht es mir gerade mit dem FCM. Zumal ich auch nicht weiß, welche Spieler ich in der nächsten Saison wiedersehen werde und wer den Club verlassen muss. Und wenn ich schon nicht im Stadion dabei sein kann, dann möchte ich wenigstens an den Spieltagen das Trikot tragen. Und obwohl ich Anfang Juni wieder zurück sein werde, habe ich mir schon fest vorgenommen zum letzten Heimspiel einen kurzen Abstecher zurück nach Deutschland zu machen. Dieses wird am 20. Mai stattfinden. Vielleicht mag es dumm von mir sein, aber es bedeutet mir einfach unbeschreiblich viel, wenigstens dort nochmal anwesend zu sein.

Die Saison begann für mich zwar noch ohne Trikot und auch ohne einen Sieg. Doch das sollte sich am 09. August 2016 ändern. Dort traf Christian Beck gleich dreimal das Tor vom SC Paderborn 07. Als in der 26. Minute das erste Tor fiel, war das etwas ganz Besonderes für mich. Es war nicht nur das erste Tor für den 1. FC Magdeburg in dieser Saison, sondern es war auch das erste Tor, bei dem ich live im Stadion mit dabei war. Natürlich habe ich in den Testspielen schon viele Tore von meinem Verein gesehen, aber da ging es ja um nichts. Hier schon. Das Gefühl, was ich in der 26. Minute verspürte, war mir neu. Vorm Fernseher habe ich zwar auch immer mal wieder mitgefiebert, hauptsächlich für die deutsche Nationalmannschaft, aber live bei einem Tor bzw. auch bei einem deiner Mannschaft dabei zu sein, ist nochmal etwas ganz Anderes. Robin meinte nach dem Spiel, dass er dachte, dass ich jeden Moment losheule. Meine Antwort darauf war ein Nein, aber um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht mehr, ob ich geweint hätte oder nicht. Ich war wie in Trance und habe mich auf ein mir unbekanntes, aber wunderschönes Gefühl eingelassen. Ich habe gesungen, bis meine Stimme kurz vorm Versagen war. Aber selbst das hätte mich nicht davon abgehalten weiter lauthals meine Mannschaft zu unterstützen.

Mittlerweile sprach sich rum, dass ich ein Anhänger vom FCM sei. Mit der Zeit bemerkte ich, wie viele Menschen sich bei mir meldeten, wenn wir spielen. Dabei ist es egal, ob diese Leute selbst Club-Fans sind oder sich nur sporadisch für die Ergebnisse interessieren. Mein Freund Robert aus Halle schreibt mir auch immer wieder, obwohl er mit Fußball nicht viel anfangen kann, da sein Herz für Handball schlägt. Wir necken uns immer gegenseitig, was mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Meine Mama sammelt Zeitungsartikel für mich. Selbst meine Großeltern interessieren sich oberflächlich für mein neues Hobby und sind auch immer auf den neusten Stand. „Der Beck war wieder auf dem Titelblatt der ‚Volksstimme‘. Der hat schon wieder ein Tor geschossen, richtig?“ So laufen mittlerweile einige Telefonate ab, die ich mit meinem Großvater führe. Auch mein Onkel ist FCM-Fan, was ich bis vor Kurzem auch nicht wusste. Er schreibt mir auch immer, wenn Magdeburg spielt. Und das ist halt auch wieder so eine Sache, die ich so sehr am Fußball liebe: er verbindet. Natürlich verbindet es auch, wenn man z.B. die gleiche Band feiert oder denselben Filmgeschmack hat, aber irgendwie ist das halt anders. Es ist schon ein Unterschied, wenn man mal ein bis zwei Nachrichten in der Woche bezüglich eines Filmes empfängt, über den man reden kann, als wenn an einem Spieltag sich minimal sechs Personen bei WhatsApp melden und mit dir über das Spiel sprechen möchten. Es ist halt eine andere Welt, die ich auch nicht mehr missen möchte. Denn es fühlt sich gut an, wenn bestimmte Leute an einen denken, obwohl sie sich eigentlich nicht für Fußball interessieren oder nicht den gleichen Verein mögen. Aber sie drücken damit ihre Solidarität aus. Das macht mich irgendwo glücklich.

img_0282
Ein Schockmoment, den ich nie vergessen werde.; Foto: Anna-Lena Kramer

Dann stand das DFB-Pokalspiel an. Der 1. FC Magdeburg gegen Eintracht Frankfurt. Ein Drittligist gegen einen Erstligisten. Nach meinen Recherchen wusste ich, dass der FCM nicht chancenlos gegen solch eine Mannschaft sei. Für dieses Spiel sagte ich sogar einer Veranstaltung ab, auf der ich eigentlich jedes Jahr bin. Aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Aber es sollte ein völlig anderes Spiel werden. Das fing schon damit an, dass ich mich nicht im gleichen Block wie Babsy und Robin befand. Ich nahm zum ersten Mal auf der Osttribüne Platz. Ich hatte Glück, dass der Mann zu meiner Linken ein unterhaltsames Kerlchen war. Doch noch vor Anpfiff zuckten wir zusammen, als es auf einmal im Gästeblock knallte. Die Magdeburger pfiffen und buhten die Gäste aus. Ab da wusste ich schon, dass da noch etwas kommen würde. Und ich sollte recht behalten. Kaum hat die zweite Halbzeit begonnen, schauten alle Magdeburger wieder Richtung Gästeblock. Dort wurden Bengalos gezündet und Böller wurden in unsere Blöcke geworfen. Ich merkte, dass ich wie versteinert war und nichts mehr sagen konnte. Ich war einfach nur geschockt. Dann sah ich nach rechts, weil ich bemerkte, dass einige Ultras auf unserer Seite sich provoziert fühlten und es unmöglich fanden, was sich die Frankfurter dort leisteten. Ich beobachtete, wie einige von uns den Innenraum betraten und sich Zugang auf das Spielfeld verschaffen wollten. Selbst die FCM-Spieler versuchten ihre Anhänger zu beruhigen, jedoch ohne Erfolg. Auf einmal kam eine Horde Polizisten um die Ecke geschossen und die Ultras kehrten umgehend in ihren Block zurück, während die Mannschaft vom Spielfeld gebracht wurde. Etwas länger als zehn Minuten war das Spiel unterbrochen. Mein linker Nachbar wollte sich zwar mit mir darüber unterhalten, was gerade geschehen ist, aber ich bekam kaum einen anständigen und vollständigen Satz heraus, weil ich einfach nur schockiert war. Ich stellte fest, dass ich mir über solch eine Situation noch keine Gedanken gemacht habe. Mir war zwar bewusst, dass es solche Vorfälle gibt, aber ich habe sie vollkommen ignoriert. Als es dann endlich weiterging, wurden meine Nerven durchgehend auf die Probe gestellt. Eintracht Frankfurt lag vorne, ich versuchte die Geschehnisse auszublenden und mich auf das Spiel zu konzentrieren, aber es fiel mir schwer. Dank Nico Hamann kam dann in der 84. Minute endlich der Ausgleich. Es folgte eine Verlängerung und zu guter Letzt auch noch das Elfmeterschießen. Obwohl der FCM die stärkere Mannschaft war, ging es bei der letzten Station hauptsächlich um Glück. Und leider war es nicht auf unserer Seite. Unverdient verloren und ein weiteres Verfahren am Hals.

img_0752
Das erste Mal in unseren Trikots beim Spiel gegen Werder Bremen II.; Foto: Anna-Lena Kramer

Nach dem DFB-Pokalspiel blieb der Club auch weiterhin einige Spiele erfolgslos. Obwohl ich immer optimistisch bin und eine Niederlage vorher nicht so eng gesehen habe, machte es auch mich irgendwann unglücklich, als mein Verein keinen Sieg mehr zustande brachte. Aber die Hoffnung gab ich nie auf. Es sollte sich ändern, als ich am 17. September zum ersten Mal mein Trikot trug. Der FCM spielte zwar auswärts, aber ich verfolgte in meinem Bett den Livestream in meiner blau-weißen Uniform. 2:3 gegen Preußen Münster. Vier Tage später folgte dann das erste Heimspiel im Trikot – und wir siegten. Obwohl wir gewonnen haben, war auch dort etwas anders. Wegen einer Strafe war Block U für jenes Spiel gesperrt. Zu meiner Linken war es also ziemlich ruhig. Die Ultras sind von der Nord- auf die Südtribüne gezogen. Die Klänge waren anders und ich vermisste das leichte Beben unter meinen Füßen, wenn Block U hüpfte. Sowas macht sich schnell bemerkbar. Aber der Sieg des Vereins zählte. Und in der Englischen Woche kamen insgesamt neun Punkte auf unser Konto. Wir waren sogar vor Halle.

 

 

Der Club war nicht mehr aufzuhalten. Das Punktekonto füllte sich. Wir waren zurück. Doch dann kam der Tag, an dem sich nicht nur für die gesamten Anhänger des 1. FC Magdeburgs etwas ändern sollte, sondern für die ganze Stadt. Am 02. Oktober stolperte ich auf Facebook über die Schlagzeilen, dass in der Nacht ein 25-jähriger Mann lebensgefährlich verletzt an den Bahngleisen in Haldensleben gefunden wurde. Nach Angaben der Polizei hat sich dieser durch einen Sturz aus dem fahrenden Zug schwere Kopfverletzungen zugezogen. Zeugen zufolge hatte er eine Auseinandersetzung mit Anhängern des Halleschen FC, denn er selbst war Fan vom FCM. Einen Tag später versammelten sich hunderte FCM-Mitglieder vor dem Krankenhaus, in dem der verunglückte Hannes im Koma lag. Sie spannten ein großes Banner mit der Aufschrift „Kämpfe Hannes!!!“ auf. Die Nachrichten bewegte nicht nur die Fans, sondern auch die Mannschaft und mich. Wieder wurde ich an die Worte von Martin erinnert. „Alle gegen Halle.“ Und da ist jetzt dieser Vorfall, der viele Fragen aufwirft, weil alles so wirr ist. Ich weiß, dass Martin diese Worte nur sportlich benutzt hat. Er hätte nie an so einer Auseinandersetzung teilgenommen und er würde auch sowas nie gutheißen. Und das ist halt auch ein Kapitel, welches ich weder hier noch sonst wo nachvollziehen kann: die Feindschaften. Wieso kann nicht jeder einfach hinter dem Club stehen, den er mag ohne  in eine Schlägerei zu geraten oder eine anzuzetteln? Ich würde nie im Geringsten nur auf die Idee kommen jemanden runterzuputzen, wenn er sich als Fan eines anderen Vereins outen würde. Das ist halt seine Liebe und das soll auch so sein. Aber mit körperlicher Gewalt zeigen, zu welchem Verein man gehört? Niemals. Ich würde das akzeptieren und Ende. Genau das habe ich auch beim Spiel gegen Frankfurt nicht verstanden. Jedenfalls hoffte ich auch die ganzen Tage, dass Hannes es schaffen würde und das man auch so schnell wie möglich aufklären würde, wie dieser Sturz tatsächlich zustande kam. Als am 06. Oktober der 1. FC Magdeburg mit einem „Kämpfe Hannes“-Banner zum Freundschaftsspiel gegen den Hamburger SV einlief, musste ich mir schon die Tränen verkneifen. Aber warum nahm mich das so mit? Schließlich habe ich diesen Hannes nie persönlich kennengelernt. Vielleicht lag es daran, dass unsere Herzen für den selben Verein schlugen. Doch seins verlor am 12. Oktober trotz Hoffens die Kraft. Ich saß in der Vorlesung zu Mediengeschichte, als Felix mir auf einmal sein Handy vor mein Gesicht hielt und sagte, dass Hannes tot ist. Wir waren einfach nur geschockt und konnten erstmal nicht viel sagen. Felix kannte ihn, genau wie Rieke, die neben mir saß, als wir die traurige Nachricht erfuhren. Eigentlich wollte ich an diesem Abend noch ins Kino gehen, aber mir war nicht danach. Ich überlegte zwar kurz, ob ich zur Mahnwache gehe, aber ich wusste, dass ich noch emotionaler werden würde, als ich es ohnehin schon war. Am nächsten Morgen sah ich Bilder, wie viele an den Mahnwachen in Magdeburg und Haldensleben teilgenommen haben. In Filmgeschichte öffnete Rieke das Facebook-Profil des Verstorbenen, um sich die Anteilnahmen durchzulesen. Es bewegte sie sichtlich. Irgendwann öffnete sie das Nachrichtenfenster, um sich seine letzte Nachricht anzuschauen, die sie von ihm erhalten hat. „Ich habe ihm nicht geantwortet.“, sagte sie mit zitternder Stimme zu mir. Wieder schwiegen wir. Am Abend stand noch die SemesterAnfangsParty an. Da wir aber noch an einer Haltestelle auf jemanden warten mussten, sangen wir lautstark ein paar Lieder vom FCM. Ich ertappte mich dabei, wie ich dabei an Hannes dachte und ihm in Gedanken diese Lieder widmete. Aber auch die kommenden Tage steckten voller Emotionen, denn viele Fanlager sprachen uns ihr Beileid aus – darunter auch welche vom HFC.

 

img_1438
Die Anteilnahme am tragischen Schicksal von Hannes ist groß.; Foto: Anna-Lena Kramer

Am 22. Oktober fand das erste Heimspiel nach dem Tod von Hannes statt. Mir war die ganze Zeit mulmig, weil ich wusste, dass es eine Schweigeminute geben würde und ich in letzter Zeit schnell emotional werde. Und schon auf dem Weg ins Stadion merkte ich, dass es erstmal nicht mehr so sein wird, wie es vorher war. Trotz der blau-weißen Anhänger in der Stadt war es ruhig. Die Bahnen waren auf der Hinfahrt nicht voll. Und auch da wurde kaum ein Mucks gesagt. Selbst auf dem Weg zum Stadion hat kaum jemand geredet. Auch davor war keine fröhliche Stimmung zu sehen und zu hören. Robin und ich entdeckten noch eine Gedenkecke von der Mahnwache, zu der wir dann kurz gingen. Ein Meer aus Kerzen, blau-weißen Schals und Bildern von Hannes. Alle schwiegen, die dort hielten. Einige stellten auch noch eine Kerze dazu. Je länger wir dort standen, desto mehr machte sich der Kloß in meinem Hals bemerkbar. Ich bat Robin, dass wir ins Stadion gehen, weil ich kurz davor war zu weinen. Im Stadion holten wir beide uns noch Gedenkschleifen. Ich brachte sie direkt über meinem Herzen an. In meinem Kopf kämpfte ich mit meinen Gedanken. „Du trägst hier gerade eine Gedenkschleife und trauerst um eine dir völlig fremde Person. Das ist doch verrückt.“ Aber das war es nicht. Als ich in meinem Block stand, richtete sich mein Blick immer wieder Richtung Block U. Dort befand er sich immer und kämpfte auf den Rängen für seinen Verein, während dieser auf dem Platz mal mehr und mal weniger Gas gab. Wir waren einige Male zur gleichen Zeit am gleichen Ort, nur an unterschiedlichen Plätzen. Wir haben dieselbe Luft geatmet. Wir hatten die gleiche Leidenschaft. Während all diese Dinge durch meinen Kopf flogen, musste ich immer wieder mit den Tränen kämpfen und versuchte deswegen mit Robin über andere Themen zu reden. Wir sangen die Hymne und „Magdeburger Kind“, bevor der Stadionsprecher die wohl bisher schwersten Worte seines Lebens auf dem Rasen des HKS finden musste. Die Schals wurden in die Höhe gestreckt und es kehrte Stille ein. Jetzt konnte ich aber meine Tränen nicht mehr zurückhalten und ließ meinen Gefühlen freien Lauf. Ich sah, wie in Block U Rauchfackeln gezündet wurden. Sie ergaben ein Kreuz. Einige regten sich lautstark darüber auf und unterbrachen die Stille, aber es lief alles friedlich ab. Nach dem Anpfiff verkündete Nico, der Vorsänger, dass wir 25 Minuten ruhig sein würden. Hannes wurde nämlich nur 25 Jahre alt. Und es war gespenstisch, wie ruhig unsere Fanblöcke waren. Ich war auch froh darüber, dass sich niemand von den beleidigenden Gesängen der Chemnitzer provozieren ließ. Immer wieder musste ich mit den Tränen kämpfen. Ab der 23. Minute schaute ich immer wieder zur Uhr. Die Fans machten sich bereit und auf die Sekunde genau meldeten wir uns zurück. Es fühlte sich an, als würden wir in eine Schlacht ziehen. Ein „Das ist Sparta!“ war im Gegensatz zu „Fußballclub Magdeburg“ ein leises Flüstern. Es sah auch für einen kurzen Moment so aus, als würden die Chemnitzer sich vor uns fürchten. Auf dem Platz hatten sie leider keinen Grund dazu. Auch in diesem Spiel konnten wir keine drei Punkte holen.

 

Es hat sich ein Schleier über den Club gelegt. Wir werden Hannes nie vergessen. Aber die Mannschaft wird weiterhin auf der Jagd nach Punkten sein, um den Klassenerhalt beizubehalten. Und wir werden sie dabei unterstützen.

 

Obwohl ich noch nicht so lange offiziell zum FCM gehöre, habe ich schon viele Höhen und Tiefen miterlebt. Ich wünsche mir einfach, dass wir alle gute Spiele Zuhause und Auswärts sehen werden. Außerdem hoffe ich, dass ich irgendwann einmal auf Martin im Stadion treffe. Aber mein größter Wunsch ist, dass es keine Auseinandersetzungen zwischen den Fanlagern mehr gibt. Es mag zwar ein Wunsch sein, der sich nie zu 100 Prozent erfüllen wird, aber vielleicht mehr Verständnis mit sich bringt. Mein Herz wird definitiv weiterhin gewaltfrei und blau-weiß schlagen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s