Die Suche nach der großen Liebe im TV: Was Frauen und Männer (wirklich) wollen

In Bukarest hatte ich keinen Fernseher. Drei Monate ohne RTL und Co. Drei Monate, in denen ich das Gerät nicht einschalten konnte, um einfach nur im Hintergrund Stimmen zu wahrzunehmen. Und vor allem drei Monate, in denen ich von Reality-Sendungen verschont blieb. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für ein tolles Gefühl das war. Ich habe den TV absolut nicht vermisst. Jetzt bin ich seit acht Tagen zurück in Deutschland und verspüre noch immer nicht den Drang, den Fernseher wieder regelmäßig anzuschalten. Doch gestern Abend lief etwas auf einem Privatsender an, was mich schon im Vorfeld interessierte. Dabei handelt es sich um eine Sendung, wo eine junge Frau die große Liebe sucht und sie die Wahl zwischen 20 Gentlemen hat. Jeder weiß, von welcher Sendung ich rede.

Eigentlich handelt es sich immer um eine Kandidatin, die man vorher noch nicht kennt. Doch dieses Mal war es genau umgekehrt. Sie stand vor einigen Jahren auf der anderen Seite. Sie buhlte mit 20 anderen aufgepimpten Zicken um das Herz eines Mannes. Nun ist sie diejenige, die Rosen verteilen darf. Sie wirkte schon in diversen anderen TV-Formaten mit und geriet in die Schlagzeilen der deutschen Presse. Und da sie es ziemlich schwer hat, einen Mann für’s Leben kennenzulernen, wenn die Kameras aus sind, so nutzt sie jetzt die Chance das vor ganz Deutschland zu tun. Sie selbst sagt ja auch, dass sie bekannt sei, aber nicht berühmt. Das macht die ganze Sache gleich viel authentischer und schürt natürlich den Eindruck, dass sie nicht noch bekannter werden möchte, als sie ohnehin schon ist.

Aber sie wirkt eigentlich schon blass neben den 20 muskelbepackten Kerlen, die dem Zuschauer nach und nach vorgestellt werden. Wer sich die heißen Boys genauer anschaute, der kam vielleicht schnell durcheinander, weil einer aussah wie der andere. Zumindest fand ich das so. Nicht nur vom Aussehen, sondern auch von den Aussagen her. Ein schnuckeliger Rosenanwärter, der sein Geld mit Modeln verdient, gab zu, dass er vielen hübschen Frauen durch seinen Job begegnet. Doch wenn er diese ungeschminkt sehe, sei er auch manchmal ziemlich erschrocken von dem Anblick. Er gab auch zu, dass er sehr oberflächlich sei. Seine neue Flamme müsse schon gut aussehen. Alles klar, verständlich. „Hauptsache sie hat einen schönen Charakter. Die Optik ist zweitrangig.“-Sprüche sind out. Man(n) redet Tacheles. Und es stimmt ja auch irgendwo. Das Erste, was man von einem Menschen sieht, ist nun mal die äußere Hülle. Die muss schon ansprechend sein. Ein Kandidat beschreibt seine Traumfrau mit folgenden Worten: „Ich sag immer so: Optisch wie ein Model, Charakter von ’ner Dicken.“ Dieser Mann hatte nicht nur nach dieser Aussage mein Herz erobert, sondern auch das von vielen anderen Frauen. Sollte er also in der Sendung kein Erfolg in der Liebe haben, bin ich mir sicher, dass viele andere Mädels ihn kennenlernen wollen. Und je mehr Männer aus dem Auto steigen, umso mehr bekommt der Zuschauer die Bestätigung, dass dort wirklich eine natürliche und vor allem nicht operierte Traumfrau vor ihnen steht. Einige vergessen vor lauter Nervosität sich bei ihr vorzustellen. Sobald sie jedoch in die Villa eintreten, kriegen sie neues Selbstbewusstsein, nachdem sie sich einen Drink an der Bar gegönnt haben und gaffen ihr aus der Ferne hinterher. Sie wiederum wirkt ziemlich entspannt. Während das die anderen Kandidaten bemerken und ihr sagen, dass sie ziemlich gechillt sei, entgegnet sie sofort mit einer Coolness: „Glaube mir, ich bin genauso aufgeregt wie du.“ Selbstverständlich. Und auch die Geschenke konnten dieses Jahr nicht origineller sein. Der Schornsteinfeger schenkt ihr einen Knopf, den sie drehen soll, weil ihr das Glück bringe. Ein anderer bringt ihr einen Schal seines Fußballvereins mit und dann kriegt sie noch ein Strandkleid aus Brasilien. Jeder, auch die Zuschauer vorm Fernseher, konnten spüren, wie sehr sie sich über die kleinen Aufmerksamkeiten freute. Ach und wenn wir gerade schon mal beim Freuen sind: Anstatt sie fragt, ob die Anwärter sich auf die Zeit mit ihr oder Ähnliches freuen, möchte sie wissen, ob sie sich über die anstehende Party freuen. Wie? Hat sie doch kein Interesse einen Mann kennenzulernen, sondern will im TV zeigen, dass man sie weiterhin für angesagte Events buchen kann? Nein, niemals. Also wische ich schnell diesen Gedanken wieder beiseite. Beeindruckt war ich auch von der Villa, die sie entweder für die Zeit gemietet oder sogar gekauft hat. Schließlich sprach sie immer von IHRER Villa. Diese hat sie sich sicherlich durch ihre Auftritte in der Öffentlichkeit finanzieren können. Ja, möglicherweise hat sie wirklich so viel Geld mittlerweile verdient und gespart, sodass sie dem Sender gesagt hat, dass sie sich keinen Kopf um ein pompöses Anwesen machen müssen. Und ausgerechnet der junge Mann mit schwäbischem Dialekt, der die Gegend und das Haus bewundert und schätzt, dem wirft sie vor, dass er keine Augen für sie hatte. Er war lediglich baff davon, wie so eine junge und bildhübsche Frau sich so etwas Wundervolles leisten konnte. Bildhübsch fand sie übrigens auch jeder. Jedem, der aus der Schwanzverlängerung… ähh… aus dem Auto ausstieg, lief das Wasser direkt im Mund zusammen. Sie muss wahrhaftig eine Traumfrau sein.

Nachdem sie die ganzen Herren in ihrem Domizil empfangen hat, wurde ihr ein alkoholisches Getränk nach dem anderen in die Hand gedrückt. Das sollte möglicherweise die Chance steigern, dass denen, die sie eventuell doch nicht so cool fand, am Ende doch eine Rose überreichen würde. Schönsaufen und so. Wobei das natürlich oberflächlich gesehen nicht nötig war. Das sind ja alles TraumMÄNNER. Und da muss man auch sagen, dass ein Mann in Leggins (dicke) Eier in der Hose haben kann. Schon beim Kennenlernen zeigten sich die Muskelprotze gegenseitig ihren trainierten Bizeps und spielten sich die Frau gegenseitig zu. Ich denke, dass nicht nur ich im ersten Moment von dem Kandidaten geschockt war, der mit 25 bereits drei Kinder besaß (und natürlich noch immer besitzt). Als dann irgendwann der Schornsteinfeger wieder um die Ecke kam, konnte man auch vor dem Bildschirm feststellen, dass er sich Mut angetrunken haben muss. Er leistete sich ein Fauxpas nach dem nächsten; betitelte die Frau, deren Herz er erobern wollte, als kurvig und erwähnte im nächsten Satz, dass die richtige Bezeichnung für „kurvig“ eigentlich „fett“ sei. Seine Mitstreiter, die sich mittlerweile zu den beiden gesellt haben, versuchten ihn sogar ganz bromäßig aus der Zwickmühle wieder herauszuziehen. Mittlerweile saßen so viele Kerle um sie herum, dass ich für einen kurzen Moment dachte, dass der Erste gleiche seine Hose aufknöpfen würde usw. Den Rest möchte ich nicht weiter erläutern. Doch stattdessen wollte der Drummer, der übrigens der einzige Kerl war, der sie vorher aus den Medien kannte, von ihr wissen, ob sie wirklich Mr. Right finden oder doch lieber PR machen möchte. Und sie vertrat ihren Standpunkt, dass sie jetzt endlich eine ernste Beziehung haben möchte. Nichts mit PR und so. Genau das wollte er auch. Er ist bereit für die Frau für’s Leben, mit der er eine Familie gründen möchte. Seine Band will er nicht durch seine Teilnahme an dieser Sendung bekannter machen, die er in seinem persönlichen Einspieler lange genug vorgestellt hat. Alle wollen dort nur das Eine: die wahre und einzige Liebe finden.

Bei der Nacht der Rosen merkte man auch, dass sich das Prinzip Schönsaufen ausgezahlte: Der blutjunge Familienvater bekam eine Rose, genau wie der Typ, der sie als fett betitelte. Ach und der Typ mit dem schwäbischen Dialekt ebenfalls. Ansonsten kann ich die anderen, die eine Rose von ihr erhalten haben, nicht mehr auseinanderhalten. Wie ich oben schon erwähnt habe: Sie sehen alle gleich aus und alle labern den gleichen Scheiß.

Ganz ehrlich: Mir fehlt jetzt schon die Zeit in Bukarest, wo ich nicht mal in Versuchung kam, mir im Internet solche Shows anzusehen. Diese Zeit hat mir gezeigt, dass ich wirklich gut ohne Fernseher leben kann. Jetzt, wo ich wieder daheim bin, kann ich doch nicht anders und muss mir Sendungen wie diese ab und zu reinziehen. Ich weiß, was mich erwartet und leider Gottes muss ich auch zugeben, dass es mich unterhält. Gerade dieses Format erheitert mich ungemein, weil es genau das zeigt, was wir alle hassen, aber von dem wir dennoch wissen, dass es auch ein Teil unseres persönlichen Lebens ist: Oberflächlichkeit. Und sind wir mal ehrlich: Wir wissen genau, was nach der Ausstrahlung der letzten Folge passieren wird: Die Rosengeberin wird wieder von Disco zu Disco tingeln und an einem Abend gutes Geld verdienen, während sie Autogramme schreibt und sich mit fremden Leuten ablichten lässt. Ihren Auserwählten wird sie nicht halten können. Es wird dann einfach wieder nicht funktioniert haben. Auch einige männliche Kandidaten wird man danach weiterhin im Fernsehen bewundern dürfen. Dabei ist es egal, ob sie in anderen Trash-Formaten auftreten; Hauptsache man kennt ihren Namen und sie klettern ihre persönliche Karriereleiter immer höher und höher. Denn eigentlich will jeder nur Aufmerksamkeit.

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